Das angekratzte Gütesiegel

Die hochgejubelten börsenkotierten Indexfonds, besser bekannt als ETF, haben einen Kratzer abbekommen: Immer mehr dieser Produkte werden nicht mit Wertschriften hinterlegt.

 

Einfach, transparent, flexibel – so könnte man ETF umschreiben. In Wahrheit steht das Kürzel für Exchange Traded Funds, was so viel heisst wie börsenkotierte Indexfonds. Sie haben in Europa vor gut zehn Jahren einen Siegeszug angetreten. Denn ETF sind nicht nur einfach und transparent; sie sind auch kostengünstiger als herkömmliche Anlagefonds und werfen in den meisten Fällen erst noch eine höhere Rendite ab.

 

Nicht im Sinne des Erfinders

 

Mehr und mehr geraten die viel gepriesenen ETF ins Zwielicht. Während nämlich die konventionellen, nicht an der Börse gehandelten Anlagefonds durch Wertschriften wie Aktien oder Obligationen hinterlegt sind, kommen zunehmend ETF auf den Markt, bei welchen die Sicherheit hinterlegter Wertschriften nicht gewährt ist. Dafür wird der Börsenindex mit Swaps abgesichert, einem Austauschgeschäft zweier Vertragspartner. Damit unterliegt der Kunde einem Gegenparteienrisiko. Das ist nicht im Sinne des Erfinders. Der Begriff des Gegenparteienrisikos war bis vor drei Jahren nur Eingeweihten ein Begriff. Doch seit dem Kollaps von Lehman Brothers haben auch zahlreiche Privatanleger am eigenen Portemonnaie erfahren müssen, was es mit dem Gegenparteienrisiko auf sich hat: Sie kauften bei einer Schweizer Bank derivative Finanzinstrumente, für welche Lehman Brothers als Drittpartei haftete, was jedoch beim Kauf dieser Derivate nur die wenigsten wahrgenommen haben.

 

Mehrere Swap-Verträge

 

Könnte das Gleiche mit Swap-basierten ETF passieren? Experten geben Entwarnung. Doch die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers hatten Experten vor drei und mehr Jahren auch nicht für möglich gehalten. Mitunter werden bei den synthetischen Produkten mit mehreren Parteien Swaps abgeschlossen, um das Risiko einzudämmen. Rund zwei Drittel der über 600 ETF auf dem Schweizer Markt basieren auf Swaps, bloss ein Drittel erwirbt die darin enthaltenen Wertschriften tatsächlich. Vielen Kunden passt das nicht: «Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die meisten Anleger physisch replizierte ETF bevorzugen», gesteht Deborah Fuhr in einem Interview mit der «Finanz und Wirtschaft». Fuhr gilt als führende Analystin der ETF-Branche und arbeitet für den Vermögensverwalter Black Rock, der Muttergesellschaft von Ishares, dem weltweit grössten Anbieter von kotierten Indexfonds.

 

Die ETF-Spezialistin verteidigt die künstlich replizierten Finanzinstrumente. «Die Investoren verstehen, dass beispielsweise ETF auf Agrarrohstoffe nicht mit physischer Replikation konstruiert werden können», sagte sie der F + W. Da alternative Basiswerte wie Rohwaren immer reger nachgefragt würden, fliesse künftig wohl verstärkt Vermögen in synthetische ETF.

 

 

INFOTHEK

 

Wie halten es die Schweizer Anbieter mit Swap-basierten ETF? Die Zürcher Kantonalbank führt vier Edelmetall-ETF im Angebot, die mit physischen Metall hinterlegt sind. Bei der Credit Suisse (CS) sind die gängigen ETF für schweizerische, europäische, amerikanische oder japanische Aktien mit Wertschriften hinterlegt. Auf Swap-Verträgen basieren dagegen die Länderfonds aus Asien oder Lateinamerika. Swap-basiert ist bei der CS auch der Weltaktienfonds MSCI World, was auf dem Faktenblatt deutlich geschrieben steht. Credit Suisse schreibt auf dem Faktenblatt, wenn ein

 

 

 

 

Fonds Swap-basiert ist. Noch besser wäre es, man würde auch bei den physisch replizierten Produkte auf einen Blick erkennen, dass sie mit Wertschriften hinterlegt sind. Die UBS macht es vor: Auf dem Faktenblatt steht unter Replikationsmethode entweder «vollrepliziert», «synthetisch» oder «Optimierungsverfahren», wie immer diese letztgenannte Methode funktionieren mag.

 

Erschienen in der BZ am 25. Oktober 2011


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Claude Chatelain