Vierte Säule: Das wirkliche Problem der Sozialwerke

Ich frage mich, wann es an Schweizer Hochschulen einen Abschluss gibt für Sozialversicherungen – analog zu Chemie, Philosophie oder Ökonomie. So absurd das klingen mag: Wir sind schon bald so weit. 

An Fachhochschulen ist Sozialversicherungsrecht ein eigenes Fach, so wie Mathematik, Buchhaltung oder Volkswirtschaftslehre. Wenn man sich vorstellt, wie viele Stunden, Tage, Monate, Jahre Hunderte von Experten investieren müssen, um sich in die immer komplexere Materie zu vertiefen. In dieser Zeit könnten sie Gescheiteres machen. Höhere Mathematik oder Physik sind von Natur aus kompliziert. Auch der menschliche Organismus ist äusserst komplex, was logischerweise entsprechend hohe Anforderungen an ein Medizinstudium stellt. Doch die Sozialversicherungen basieren nicht auf natürlichen Gegebenheiten; sie sind vom Menschen, insbesondere von Politikern, Juristen und Beamten, kreiert worden – und dies mit einem gerüttelt Mass an Fantasie. Dabei könnte man das 3-Säulen-System ganz einfach gestalten. Man könnte die Höhe der AHV-Rente so definieren, dass ein Rentner nachvollziehen kann, weshalb er jetzt – zum Beispiel – 1500 statt 1600 Franken monatlich erhält. Man könnte die Pensionskassen nach einem einheitlichen Muster aufstellen und müsste nicht mit Begriffen wie «umhüllende Kasse», «überobligatorischer Teil», «Freizügigkeit», «Koordinationsabzug», «Umwandlungssatz» oder «Leistungsprimat » hantieren. Oder gibt es einen logischen Grund dafür, weshalb man nach einem Unfall viel besser versichert ist als bei Krankheit?

 

Wir mögen uns über das schwindende Vermögen des AHV-Fonds Sorgen machen. Wir mögen uns über Scheininvalide ärgern. Wir mögen über die alljährlichen Steigerungen der Krankenkassenprämien jammern. Das wirkliche Problem unserer Sozialversicherungen besteht darin, dass sie viel zu kompliziert sind. Um das System zu unterhalten, braucht es Tausende von Experten. Sie alle kosten viel Geld. Geld, das die Sozialwerke unnötig teuer macht.

 

Erschienen in der BZ am 18. Oktober 2011

Claude Chatelain