Vierte Säule: Ein Hurra auf die Zinslinpicker

Als Zinslipicker wurden jene belächelt, die eine Aktie wegen der Dividende kauften. Das Spannende an Aktien sei nicht die Dividende, sondern der Kursgewinn. Dieser verspreche höhere Renditen und sei erst noch steuerfrei, hiess es. 

Steuerfrei ist der Kursgewinn immer noch. Ob aber auch die Rendite stimmt, ist zweifelhaft. Zu viele Privatanleger haben um die Jahrtausendwende und dann nach der Lehman-Pleite mit Aktien grosse Verluste erlitten. Anlageberater bestätigen mir, dass heute viel mehr auf die Dividende geachtet wird als früher. Auch in der «Finanz und Wirtschaft», dem Leibblatt der Anlegergilde, sind Dividendenperlen mehr und mehr ein Thema. So auch in einem Interview mit Panagiotis Spiliopoulos, dem Leiter Research bei der Bank Vontobel. Er sprach von einer geschätzten Dividendenrendite von 3,9 Prozent für den Schweizer Aktienmarkt.

Schon mal von Swisscom, Roche, Novartis, ABB oder Nestlé gehört? Sie alle weisen Dividendenrenditen von über 3,8 Prozent aus. Das sind nun wahrlich keine Würstlibuden. Ihre Ausschüttungen zeichnen sich durch eine hohe Stabilität aus.

 

Zugegeben: Die Höhe der künftigen Dividenden ist keinesfalls gesichert. Und ein Kurssturz könnte die Dividende mehr als zunichtemachen. Doch Kursverluste sind nur dann ein Problem, wenn sich die Kurse nicht innert einer vernünftigen Frist wieder erholen. Beobachter mit einem guten Erinnerungsvermögen werden mich nun an Clariant, Zürich, oder Swiss Re erinnern. Sie haben sich von ihrem Absturz um die Jahrtausendwende nicht erholt. Ihre Kurse sind meilenweit von ihrer Rekordhöhe vor über zehn Jahren entfernt. Das Gleiche gilt für ABB, die jetzt mit einer stolzen Dividendenrendite lockt. Sie war auch schon über 40 Franken wert, fiel dann mitunter auf 1.12 Franken. Zu damals und heute gibt es aber einen markanten Unterschied: Die Höchstkurse der genannten Aktien wurden mit der Technologieeuphorie aufgeblasen. Sie fielen in den Keller, als die Blase platzte. Heute stecken wir jedoch nicht in einer Hausse, sondern in einer Baisse. Entsprechend geringer ist die Absturzgefahr.

 

Erschienen in der BZ am 11. Oktober 2011

Claude Chatelain