Schauen Sie nicht nur auf den Lohn

Glücklich ist, wer ein Krankentaggeld versichert hat. Wobei die meisten von diesem Glück gar nichts wissen.

Zum Einstieg ein fiktives Interview:

Frage: «Wollen Sie wirklich die Stelle wechseln?»

Antwort: «Ja.»

Frage: «Treffen Sie auf bessere Arbeitsbedingungen?»

Antwort: «Na klar. Sonst würde ich die Stelle nicht wechseln.»

Frage: «Hat der neue Arbeitgeber denn auch eine kollektive Krankentaggeld-Versicherung abgeschlossen?»

Ein verlegenes Kratzen am Kopf. Wetten, die Person hat sich nicht nach den Bedingungen der kollektiven Krankentaggeld-Versicherung erkundigt? Die Unterlassungssünde kann verhängnisvoll sein: Die krankheitsbedingte Erwerbsunfähigkeit zählt zu jenen Risiken, gegen welche Herr und Frau Schweizer eher zu wenig als zu gut versichert sind.

 

Die Invalidenversicherung (IV) und die berufliche Vorsorge zahlen IV-Renten frühestens ein Jahr nach Ausbruch der Krankheit, manchmal erst zwei Jahre danach. Und der Arbeitgeber zahlt bei krankheitsbedingter Erwerbsunfähigkeit nur während einer beschränkten Zeit den vollen Lohn. Im ersten Dienstjahr beträgt die Pflicht zur Lohnfortzahlung lediglich drei Wochen. Erst mit längerer Dienstdauer verlängert sich die Lohnfortzahlungspflicht.

 

Zwei Jahre Vorsorgelücke

 

Im unglücklichsten Fall bleibt also eine erkrankte und erwerbsunfähige Person bis zu zwei Jahre ohne Einkommen. Deshalb braucht es Taggeldversicherungen. Und aus diesem Grund hat ein grosser Teil der Arbeitgeber für seine Angestellten eine kollektive Krankentaggeld-Versicherung abgeschlossen. Leider aber noch lange nicht alle.

 

Wie viele Arbeitnehmer und wie viele Selbstständigerwerbende ohne diesen Versicherungsschutz herumlaufen, ist leider nicht bekannt. Nicht einmal grobe Schätzungen sind vorhanden. «Aus den vorhandenen Angaben lässt sich nicht erkennen, wie gross allfällige Lücken im Versicherungsschutz bei unselbstständig Erwerbenden sind», steht in einem 52-seitigen Bericht des Bundesrats zu lesen. Der Bericht mit dem Titel «Evaluation und Reformvorschläge zur Taggeldversicherung bei Krankheit» ist vor zwei Jahren publiziert worden. Zum Erstaunen vieler kommt der Bundesrat zum Schluss, dass kein Handlungsbedarf besteht.

 

Lücke für Arbeitslose

 

Besonders gravierend ist der fehlende Versicherungsschutz für Arbeitslose: Sie haben kaum die Möglichkeit, eine Taggeldversicherung abzuschliessen – oder höchstens zu unvernünftigen Konditionen. Kommt hinzu, dass das Risiko einer krankheitsbedingten Erwerbsunfähigkeit bei Arbeitslosen ungleich höher ist als bei Erwerbstätigen. Ist ein Stellensuchender krankheitsbedingt ausserstande, eine neue Stelle anzunehmen, so zahlt die Arbeitslosenversicherung das Taggeld noch während 30 Tagen. Dann ist Schluss.

Leicht besser ist die Situation bei Entlassenen, deren Arbeitgeber über eine kollektive Krankentaggeld-Versicherung verfügen. Hier bietet sich die Möglichkeit an, den kollektiven Vertrag in eine Einzelversicherung umschreiben zu lassen. Dies ist möglich, ohne dass der Betreffende eine Gesundheitsprüfung absolvieren und allfällige Vorbehalte in Kauf nehmen muss. Zwar ist die Einzelversicherungsprämie höher als Kollektivprämien – aber immerhin kommt man zu einer Versicherung. Dieses Recht auf Übertritt in eine Einzelversicherung ist freilich nicht gesetzlich verankert. Es beruht lediglich auf einem Abkommen zwischen den Versicherungsgesellschaften.

 

Während also die Versicherer den Abschluss einer VVG-Versicherung ohne Angabe von Gründen verweigern können, sind sie immerhin verpflichtet, wenigstens eine Krankentaggeld-Versicherung laut Krankenversicherungsgesetz (KVG) anzubieten. Hier sind die Gestaltungsfreiheiten eingeengt. Deshalb zeigen die Krankenkassen auch wenig Interesse, solche KVG-Versicherungen zu verkaufen. Mehr noch: Die Kassen machen Taggeldversicherungen laut KVG zu einer Farce, indem sie das Taggeld auf wenige Franken beschränken. Es beträgt bei den meisten Versicherern 30 Franken pro Tag. 30 mal 30 gibt 900 Franken. Damit können die wenigsten leben.

 

Und leider sind solche Versicherungen etwa im Unterschied zur Kranken- und Unfallversicherung nicht obligatorisch.

 

Erschienen in der BZ am 11. Oktober 2011

Claude Chatelain