Die ZKB setzt 20 Millionen der BLVK in den Sand

Die Bernische Lehrerversicherungskasse fordert von der Zürcher Kantonalbank Schadenersatz. Gestern stritten sich die beiden vor dem Obergericht.

Die Geschichte ist alt – und doch ist sie neu. Alt, weil sie sich 2008 ereignet hatte. Neu, weil das juristische Nachspiel gestern im Berner Obergericht stattgefunden hat. Die Bernische Lehrerversicherungskasse (BLVK) verklagte die Zürcher Kantonalbank (ZKB) auf Schadenersatz im Umfang von 18,7 Millionen Franken. Sie wirft der ZKB vor, die Sorgfaltspflicht verletzt zu haben.

 

Sigma wie Lehman Brothers

 

Konkret geht es um die Finanzgesellschaft Sigma, die im Herbst 2008 genau wie Lehman Brothers pleitegegangen war. Von Sigma war hierzulande weniger die Rede, weil im Unterschied zu Lehman Brothers hauptsächlich institutionelle Anleger von diesem Verlust betroffen waren, weniger aber Privatanleger. Die ZKB betreute seit 2002 für die BLVK das Portefeuille für Schweizer-Franken-Obligationen im Wert von rund 600 Millionen Franken. Für 50 Millionen kaufte sie Schuldverschreibungen der Sigma, so genannte Notes. Nun stellte sich bereits gegen Ende 2007 heraus, dass die Kreditwürdigkeit der Finanzgesellschaft Sigma zweifelhaft war, was sich im fallenden Kurs manifestierte. Der Berner Rechtsanwalt Urs Emch, der die Interessen der BLVK vertritt, erklärte gestern vor dem Obergericht in Bern, dass die Credit Suisse ihre Sigma-Notes bereits im November 2007 verkauft hatte. Die UBS tat dasselbe im Februar 2008. Auch die ZKB hätte laut Emch die Papiere vorzeitig veräussern müssen.

 

20 Millionen abgeschrieben

 

Die ZKB hat zwar tatsächlich einen Teil der Notes vorzeitig verkauft, aber eben nur die Hälfte. Für Notes im Nominalwert von 25 Millionen löste sie dafür 80 Prozent, rund 20 Millionen Franken. Der Rest blieb in den Büchern, bis er fast ganz abgeschrieben werden musste. Die Vertreter der ZKB wollen keine Sorgfaltspflichtverletzung gelten lassen. Sie hätten sich an den Vertrag gehalten. Sigma sei von Standard & Poor’s mit einem AA bewertet worden, was eine gute Bonität sei. Auf der anderen Seite war auch der ZKB klar, dass Sigma Mühe bekundete, ihre Kredite zu refinanzieren. Schon im April 2008 schrieb die Zürcher Independent Credit View (I-CV), dass sich Sigma in einer Liquiditäts- und Vertrauenskrise befinde. 40 Prozent der Schulden müssten bis Oktober zurückbezahlt werden. «Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Bilanz der Gesellschaft in einem viel schlechteren Zustand befindet, als uns präsentiert wurde», schrieb I-CV am 23. April 2008.

 

Renditeziel verpasst

 

So gab es zwischen der ZKB und der BLVK einen regen Kontakt betreffend diese zweifelhafte Bilanzposition. «Wenn wir die Position verkauft hätten, hätten wir das Renditeziel nicht erreichen können», rechtfertigte sich gestern Iwan Deplazes, Leiter Asset Management bei der ZKB. Sie seien vor der Wahl gestanden, das Renditeziel definitiv zu verpassen oder das Risiko in Kauf zu nehmen, dass die Sigma-Notes notleidend würden. Es hätte damals durchaus die Hoffnung bestanden, dass die Papiere im Frühjahr 2009 bei Verfall zum Nominalwert zurückbezahlt würden. Wie gestern am Obergericht weiter zu hören war, haben die Verantwortlichen der Lehrerkasse der ZKB signalisiert, dass sie den Verlust nicht einfach so hinnehmen wollen, falls die Papiere unter dem Nominalwert verkauft würden. Sie verlangten, dass sich die ZKB am Verlust beteilige, was die ZKB wiederum nicht wollte.

 

Noch kein Entscheid

 

Die Verhandlung kam gestern nicht zu einem Abschluss. Nach Auskunft von Oberrichterin Danièle Wüthrich-Meyer werden weitere Einvernahmen von Zeugen erst im nächsten Jahr stattfinden. Sie hatte gestern keinen Vergleich angeboten. Fraglich ist, ob die ZKB zu einem solchen bereit sein wird. Denn das Urteil hat Signalwirkung: Die BLVK ist nicht die einzige ZKB-Kundin, die wegen der Sigma-Notes einen herben Verlust erlitt. Sollte die ZKB zu einem Vergleich Hand bieten, werden aller Voraussicht nach auch andere Geschädigte auf ihr Recht pochen.

 

 

INFOTHEK

 

Was ist Sigma? Das pleitegegangene Investmentvehikel Sigma Finance gehörte der Gordian Knot Ltd., die ihrerseits zu 32 Prozent der Deutschen Bank gehörte. Im März 2008 hatte Sigma ein Volumen von rund 41 Milliarden Dollar. Die Finanzgesellschaft verdiente ihr Geld, indem sie kurzfristige

 

 

 

 

Kredite lieh und diese in langfristige Kredite mit einer höheren Verzinsung anlegte. Mit der Finanz- und Vertrauenskrise im Jahr 2008 konnte sie die kurzfristige Refinanzierung nicht mehr sicherstellen.

 

Erschienen in der BZ am 6. Oktober 2011


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Claude Chatelain