Wer zu wenig verdient, erhält keine Vergünstigung

Nicht trotz, sondern wegen des tiefen Lohns werden Studenten die Prämien nicht verbilligt.

Je tiefer das Einkommen, desto eher kommen Schweizerinnen und Schweizer in den Genuss einer Verbilligung der Krankenkassenprämien. So logisch dieser Befund; so unlogisch das Kleingedruckte: Einer jungen Frau aus Bolligen wurde der Anspruch auf Prämienverbilligung verwehrt, weil sie zu wenig verdient. Die 20-jährige Frau ist Studentin und wohnt bei den Eltern. Ihr wurde der Anspruch vom Amt für Sozialversicherung und Stiftungsaufsicht verweigert, weil sie «noch nicht dauerhaft ein korrigiertes Reineinkommen von über 12 000 Franken erzielt». Deshalb wird ihr Anrecht auf Prämienverbilligung zusammen mit demjenigen der Eltern beurteilt. Und da das massgebende Einkommen der Eltern den Höchstwert von 34'000 Franken übersteigt, werden die Prämien der jungen Frau nicht verbilligt.

 

1500 Franken pro Monat

 

Ein korrigiertes Reineinkommen entspricht in der Regel einem Nettojahreseinkommen von 18'000 Franken. Studis müssten also pro Monat etwa 1500 Franken netto verdienen, damit ihre Prämien verbilligt werden. In diesem Fall wird der Nebenverdienst nicht mehr zusammen mit jenem der Eltern beurteilt – und man kommt in den Genuss einer Verbilligung der Prämien. Dies unabhängig davon, ob die junge Person einen eigenen Haushalt gründet oder bei den Eltern wohnt. Dies auch unabhängig davon, wie viel die Eltern für den Lebensunterhalt der Tochter oder des Sohnes beisteuern.

 

Die offizielle Erklärung dieser auf den ersten Blick seltsamen Bestimmung: Wer nicht dauerhaft ein korrigiertes Reineinkommen von über 12'000 oder eben ein Nettojahreseinkommen von rund 18'000 Franken erzielt, ist auf die Unterstützung der Eltern angewiesen. Und somit wird das Einkommen der in Ausbildung befindlichen Person zusammen mit jenem der Eltern beurteilt. Wenn also Studentinnen und Studenten nicht nur im Studium, sondern auch beim Nebenverdienst Gas geben, entlasten sie das Budget der Eltern gleich zweifach: mit weniger Sackgeld und tieferen Krankenkassenprämien.

 

Erschienen in der BZ am 4. Oktober 2011

Claude Chatelain