"Schwer Alkoholisierte sind Hochrisikopatitenten"

Notfallärzte haben die grössten Erfahrungen mit schwer alkoholisierten Säufern. Gegenüber Ausnüchterungsstellen ausserhalb der Spitalmauern sind sie kritisch.

Stockbesoffene sollen künftig nicht mehr in die Notfallstationen der Spitäler eingeliefert werden, sondern in Zentrale Ausnüchterungsstellen (ZAS), wie eine davon in der Stadt Zürich in Betrieb ist. Dies entschied der Grosse Rat am Mittwoch (Ausgabe von gestern). Was sagen die medizinischen Fachkräfte dazu?

 

Hochrisiko-Patienten

 

«Das sollte man sich sehr, sehr, sehr gut überlegen», sagt Peter Rupp, Chefarzt des Notfallzentrums im Stadtberner Lindenhofspital. «Schwer alkoholisierte Leute sind Hochrisiko-Patienten.» Die Gefahr eines Atemstillstandes sei akut. «Sie hören zu atmen auf und sterben», sagt Rupp, der in dieser Frage etwas vorbelastet ist. In einem Spital in München, wo Peter Rupp früher tätig war, sei ein betrunkener Mann wegen mangelnder Überwachung gestorben. Die Ausnüchterungsstelle war nicht direkt in der Notfallstation, sondern dieser angehängt. Die Dienst leistende Ärztin sei danach verurteilt worden, erzählt Rupp.

 

Könnte man jedoch eine gute ärztliche Versorgung in einer ZAS sicherstellen, sei dagegen nichts einzuwenden, meint neben Peter Rupp auch Regula Bienz, leitende Notfallärztin im Spital Thun. Im ZAS müssten aber mindestens ein Arzt und sicher zusätzliches Pflegeperson rund um die Uhr präsent sein. Es brauche dazu einen Monitor, um die Sauerstoffsättigung zu überwachen. Ausserdem müsste mit Laboruntersuchungen auch der Zuckergehalt im Blut kontrolliert werden können. Auf einen kurzen Nenner gebracht, könnte man sagen: In einer ZAS bräuchte es praktisch die Infrastruktur einer Notfallstation.

 

Junge Ärzte

 

Nach Angaben von Renate Monego, Direktorin der Städtischen Gesundheitsdienste in Zürich, sind in der Ausnüchterungsstelle im Zellentrakt des Amtshauses solche medizinischen Leistungen gewährleistet. Die medizinische Betreuung wird durch eine private Gesellschaft, der JDMT Medical Services GmbH, wahrgenommen. Das Kürzel steht für Junior Doc Medical Team. Die Firma beschäftigt junge Ärzte und Medizinstudenten höherer Semester.

 

Gute Erfahrungen in Zürich

 

«Wir haben bisher sehr gute Erfahrungen gemacht», meint Renate Monego, die selber einen medizinischen Background hat. Sie war vorher Mitglied der Spitalleitung des Stadtspitals Triemli und leitete dort den Bereich Pflege. Und wie schon früher an einer Medienkonferenz erklärt wurde: Von 366 in die Zentrale Ausnüchterungsstelle eingelieferten Personen mussten deren 22 in ein Spital überwiesen werden.

 

Gemäss Zürcher Polizeigesetz können alkoholisierte Personen aufgrund einer Selbst- oder Fremdgefährdung eingewiesen werden. Wie Renate Monego weiter erklärt, handeln die Polizeikräfte vor Ort aufgrund klarer Kriterien, ob die berauschten Personen in die Ausnüchterungsstelle einzuliefern sind. «So ist zum Beispiel ein hoch alkoholisierter Mann, der nicht mehr ansprechbar und nicht weckbar ist oder eine sichtbare offene Wunde aufweist, in ein Spital einzuweisen», erklärt die Direktorin der Gesundheitsdienste Zürich.

 

Wochenende für Wochenende werden im Schnitt in Zürich 13 Personen in die ZAS eingeliefert. Insgesamt waren es im ersten Halbjahr des Pilotprojekts 316 Männer und 50 Frauen im Alter von 15 bis 69 Jahren. Die Sicherheitskosten werden auf die Verursachenden überwälzt: Klienten, die weniger als drei Stunden betreut werden, erhalten eine Rechnung von 600 Franken. Wer länger betreut wird, zahlt 950 Franken.

 

Erschienen in der BZ am 28. Januar 2011

Claude Chatelain