Erdbeben sind (noch) nicht versichert

Der Schwyzer SVP-Ständerat Alex Kuprecht setzt sich für die Erdbebenversicherung ein. Er arbeitet bei der Basler.
Der Schwyzer SVP-Ständerat Alex Kuprecht setzt sich für die Erdbebenversicherung ein. Er arbeitet bei der Basler.

Der Ständerat setzte sich gestern gegen den Widerstand des Bundesrats für eine obligatorische Erdbebenversicherung ein.

 

Die Hälfte der Hausbesitzer ist der Meinung, ihr Eigenheim sei gegen Erdbebenschäden versichert. Dies ergab eine Umfrage der Gebäudeversicherung des Kantons Bern. Somit irrt sich die Hälfte. Hauseigentümer müssen sich zwar obligatorisch gegen Elementarschäden versichern. Was ein Elementarschaden ist, steht im Gesetz. Erdbeben gehören nicht dazu.

Seit längerem ist die Versicherungswirtschaft bemüht, eine schweizweit obligatorische Erdbebenversicherung einzuführen. Nach ihrem Entwurf würde die Jahresprämie 8 Rappen pro 1000 Franken Versicherungssumme betragen. Für ein Einfamilienhaus im Wert von 500 000 Franken wären das 40 Franken, einheitlich in der ganzen Schweiz. Berner würden also gleich hohe Prämien zahlen wie Walliser, obschon im Hochtal südlich der Berner Alpen das Erdbebenrisiko höher ist.

 

Der Bundesrat will sich jedoch nicht für eine obligatorische Erdbebenversicherung einzusetzen, «solange unter den Beteiligten kein Konsens über eine obligatorische Versicherungslösung herrscht». Dies erklärte gestern Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf im Ständerat, wo über die Motion «Obligatorische Erdbebenversicherung» des Walliser CVP-Ständerats Jean-René Fournier debattiert wurde. Fournier sitzt auch im Verwaltungsrat der Helvetia Versicherungen.

 

Hauseigentümer wehren sich

 

In der Tat sind sich die Versicherer, die Kantone und die Hauseigentümer über die Notwendigkeit eines obligatorischen Versicherungsschutzes nicht einig. Gegen das Obligatorium sind die Hauseigentümer: «Ich denke, es ist nicht ganz unproblematisch, eine Versicherung einzurichten, die dann vielleicht in dreihundert, vierhundert, fünfhundert Jahren oder vielleicht auch gar nie zum Tragen kommt», meinte Ständerat Hannes Germann (SVP, SH), Vorstandsmitglied beim Schweizerischen Hauseigentümerverband, in der Ratsdebatte. Sollte dennoch ein Erdbeben Teile der Schweiz erschüttern, wäre laut Germann ohnehin die Solidarität aller gefragt. «In einer Ausnahmesituation waren wir bereit, für die Rettung einer Bank 68 Milliarden Franken einzuschiessen.» In einer Notsituation wie bei einem Erdbeben würde das laut Germann nicht anders funktionieren.

 

Freiwillig statt obligatorisch

 

Im Weiteren stellt sich der Hauseigentümerverband auf den Standpunkt, dass Eigenheimbesitzer die Möglichkeit hätten, sich privat gegen Erdbeben zu versichern. Dazu brauche es kein Obligatorium.

 

Freilich ist dieser Versicherungsschutz wegen der geringen Anzahl der Versicherten relativ teuer. Würde die Erdbebenversicherung obligatorisch, verteilte sich das Risiko auf eine grosse Anzahl von Hausbesitzern, was die Prämie erträglich machte.

 

Versicherer für Obligatorium

 

Laut Ständerat Alex Kuprecht (SVP, SZ) häufen sich Fragen besorgter Bürger, sobald ein Erdbeben auf dieser Welt grossen Schaden anrichtet. «Es besteht ein offensichtliches Interesse an der Deckung dieses Ereignisses», ist Kuprecht überzeugt, der in den Diensten der Basler steht.

 

Nicht nur Versicherungslobbyisten machten sich im Ständerat für ein Obligatorium stark. Auch Claude Janiak (SP, BL) zeigte alles Interesse an einer schweizerischen Solidarität: «Ich kann Ihnen sagen, dass in unserer Region das Interesse sehr, sehr gross ist, dass hier eine Lösung gefunden wird.» Das Votum des Baselbieters ist verständlich: Die Region um das Rheinknie ist für schweizerische Verhältnisse überdurchschnittlich gefährdet, von einem grösseren Erdbeben heimgesucht zu werden.

 

Bern ist weniger gefährdet als Basel oder das Wallis. Und doch findet Ueli Winzenried, Direktor der Gebäudeversicherung des Kantons Bern: «Eine obligatorische Erdbebenversicherung für die ganze Schweiz erachte ich als absolut notwendig.» Das meint auch die Mehrheit des Ständerats. Die Motion wurde mit 19 gegen 11 Stimmen abgesegnet. Sie geht nun an den Nationalrat.

 

Erschienen in der BZ am 28. September 2011

Claude Chatelain