Wann ist eine Pensionskasse gut bei Kasse?

Als wichtigste Kennziffer einer Pensionskasse wird häufig der Deckungsgrad bemüht. Doch ohne Kenntnis des technischen Zinssatzes erzählt der Deckungsgrad nur die halbe Wahrheit.

«Wie steht die Pensionskasse Ihres Arbeitgebers da?» Informierte Bürger werden bei dieser Frage auf den Deckungsgrad verweisen. Liegt dieser bei 100 Prozent, ist die Pensionskasse voll ausfinanziert. Sie ist also theoretisch in der Lage, heute und in Zukunft all ihren Verpflichtungen nachzukommen, ohne dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber ihre Beiträge für eine Sanierung erhöhen müssen. Liegt der Deckungsgrad über 100 Prozent, sind sogar noch Schwankungsreserven vorhanden, welche die Kursschwankungen an den Finanzmärkten auffangen können. Liegt der Deckungsgrad unter 100 Prozent, so hat die Pensionskasse eine Deckungslücke, die irgendeinmal mit höheren Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen oder mit tieferen Renten geschlossen werden muss.

 

Nur theoretisch richtig

 

Dies ist aber nur eine theoretische Betrachtung. Die Rechnung wird nur dann aufgehen, wenn die künftige Rendite dem technischen Zinssatz entspricht. Der technische Zinssatz ist nichts anderes als die durchschnittliche erwartete Rendite auf dem Vermögen für die nächsten zwanzig Jahre. Mindestens so wichtig wie der Deckungsgrad ist also der technische Zins. Oder anders gesagt: Ohne Kenntnis des technischen Zinssatzes sagt der Deckungsgrad nichts aus.

 

4 Prozent – das war einmal

 

Lange Jahre lag dieser technische Zins bei fast allen Kassen bei 4 Prozent. Lange Jahre war es aber für die Einrichtungen der beruflichen Vorsorge auch nicht schwierig, durchschnittliche Renditen von über 4 Prozent zu erwirtschaften. Wegen der anhaltend tiefen Zinsen seit Beginn des angelaufenen Jahrtausends ist es aber unmöglich geworden, mit kalkuliertem Risiko über all die Jahre eine Rendite von über 4 Prozent zu erzielen. Deshalb sind die Vorsorgeeinrichtungen mehr und mehr dazu übergegangen, den technischen Zins zu senken und somit die Prognosen nach unten zu korrigieren. Gemäss einer Umfrage von Swisscanto liegt der durchschnittliche technische Zinssatz derzeit bei 3,5 Prozent. Er müsste aber laut Anlagechef Peter Bänziger in Richtung 3 bis 2,5 Prozent gehen, wie er vergangene Woche in Zürich am Herbstgespräch von Swisscanto ausführte.

 

Rendite: 2,6 Prozent

 

Diese Einschätzung ist leicht zu begründen: In den vergangenen zehn Jahren haben die Pensionskassen eine durchschnittliche Rendite von 2,6 Prozent erzielt. Und angesichts des anhaltend tiefen Zinsniveaus deutet derzeit nichts darauf hin, dass die künftigen Renditen höher ausfallen werden. Erfreut sich also eine Pensionskasse eines Deckungsgrades von 100 Prozent, ist das nur dann erfreulich, wenn der technische Zins nicht höher ist als 3 Prozent. Bei einem technischen Zins von 4 Prozent vermittelt ein 100-prozentiger Deckungsgrad eine falsche Sicherheit. Und doch kalkulieren immer noch knapp 20 Prozent der privatrechtlichen Pensionskassen mit einem zu hohen technischen Zins von 4 Prozent; bei öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen sind es sogar 37 Prozent.

 

Risikoloser Zins: 1,5 Prozent

 

Sobald eine Kasse den technischen Zins auf ein realistisches Niveau reduziert, sinkt automatisch auch der Deckungsgrad. Die dadurch entstehende Deckungslücke muss durch höhere Beiträge oder tiefere Leistungen kompensiert werden. Othmar Simeon, Leiter Personalvorsorgeberatung bei der Swisscanto-Gruppe: «Würde die Bewertung der Vorsorgekapitalien der Rentenbezüger heute mit dem risikolosen Zinssatz von 1,5 Prozent vorgenommen, so würde der durchschnittliche Deckungsgrad der privatrechtlichen Pensionskassen von 105 auf rund 96 Prozent sinken.» Das heisst, es bräuchte zusätzliches Kapital, um wieder auf einen Deckungsgrad von 100 Prozent zu kommen und heutige sowie künftige Leistungen sicherzustellen. Othmar Simeon nennt folgende Faustregel: Wird der technische Zinssatz um 1 Prozent gesenkt, so muss das Vorsorgekapital um rund 10 Prozent erhöht werden. Genügt also bei einem technischen Zins von 4 Prozent ein Kapital von 100 Millionen Franken, so muss dieses bei 3 Prozent Zins um 10 auf 110 Millionen Franken aufgestockt werden.

 

Erschienen in der BZ am 27. September 2011

Claude Chatelain