Vierte Säule: Weshalb ich vom Kapitalbezug abrate

Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Leute sich vor der Pensionierung für den einmaligen Bezug des Kapitals statt für die lebenslange Rente entscheiden.  Gerade in jüngster Zeit häufte sich die Anfrage von Lesern, die von mir wissen möchten, wie sie das Geld sinnvoll anlegen könnten, das sie sich eben von der Pensionskasse auszahlen liessen. Ich frage jeweils die Leute, wieso sie sich für das Kapital entschieden haben. Dabei erhalte ich eine Standardantwort: Sie trauten der Pensionskasse nicht. Und schliesslich müsse man die Rente erst noch zu 100 Prozent als Einkommen versteuern.

Erstens muss ich sagen, dass die Renten durch den Sicherheitsfonds BVG gesichert sind. Zweitens muss ich die Leser enttäuschen. Auch ich habe für solche Anfragen eine Standardantwort parat: «Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht sagen, wie Sie das Kapital sinnvoll anlegen können.» Und vor allem bin ich heillos überfordert, wenn ich einen Anlagevorschlag unterbreiten müsste, welcher unter dem Strich einen höheren Ertrag verspricht als die Rente.

 

Ich rechne vor: Nehmen wir ganz vorsichtig einen Umwandlungssatz von 6 Prozent. Auf ein Kapital von 100 000 gibt das eine jährliche Rente von 6000 Franken. Nun sind auf diesem Betrag Einkommenssteuern zu bezahlen. Wenn wir vorsichtshalber einen hohen Grenzsteuersatz von 30 Prozent wählen, so schmilzt die jährliche Rente nach Steuern auf 4000 Franken. Damit beträgt die Nettorendite auf besagten 100 000 Franken immer noch 4 Prozent. Und nun soll ich dem geneigten Leser einen Anlagevorschlag unterbreiten, mit welchem er eine Nettorendite von 4 Prozent erzielt? Jahr für Jahr? Und erst noch ohne Risiko?

 

Der Direktor einer der grössten Pensionskassen des Landes sagte mir kürzlich, er werde das gesamte Pensionskassenguthaben als Rente beziehen. Ebenso macht das ein frühpensionierter Banker, der in seinem beruflichen Leben Pensionskassen beriet. Den beiden möchte ich unterstellen, dass sie sich auf den Finanzmärkten auskennen. Aber auch sie trauen sich nicht zu, jährlich eine garantierte Nettorendite von 4 Prozent zu erzielen. Das sollte allen ein Fingerzeig sein.

 

Erschienen in der BZ am 27. September 2011

Claude Chatelain