Säufer werden zur Kasse gebeten

EVP-Grossrat Ruedi Löffel kämpft gegen Alkohol-Exzesse.
EVP-Grossrat Ruedi Löffel kämpft gegen Alkohol-Exzesse.

Schwer Alkoholisierte sollen in Zukunft nicht mehr automatisch ins Spital eingeliefert werden. Und sie sollen für die Kosten selber aufkommen. Das forderte gestern der Grosse Rat in einer Motion.

 

Seit 17 Jahren beschäftigt sich Ruedi Löffel beim Blauen Kreuz mit Suchtprävention. Als Folge seiner langjährigen Erfahrung hat er sich in einer Motion für die Errichtung einer zentralen Ausnüchterungsstelle (ZAS) starkgemacht. Gleichzeitig fordert er, dass die Kosten den Säufern in Rechnung gestellt werden.

Der EVP-Politiker aus Münchenbuchsee dürfte somit aufgrund seines beruflichen Hintergrunds wissen, wovon er spricht. Ein Eindruck, den gestern im Grossen Rat nicht alle Votanten zu vermitteln vermochten. Etwa jene von der FDP oder der BDP, die eine Kostenbeteiligung durch die Säufer guthiessen, gleichzeitig aber den Aufbau von neuen Strukturen wie eben von Ausnüchterungsstellen ablehnten. Doch das Errichten einer ZAS ist eine Voraussetzung dafür, dass die Säufer zur Kasse gebeten werden können. «Sind sie einmal im Spital, so muss die Grundversicherung zahlen. Da haben wir als Kantonsvertreter keine Handhabe», sagte Löffel.

Der Geschäftsführer der EVP nannte vier Probleme, die er mit seiner Motion lösen will:

 

  1. Komasäufer belasten nicht nur die Prämienzahler, sie belegen auch die Notfallbetten, die gerade zu Spitzenzeiten anderweitig belegt werden müssten.
  2.  Alkoholisierte Patienten sind erfahrungsgemäss nicht immer pflegeleicht: Sie brüllen, kotzen, schlagen um sich, bedrohen das Personal und zerstören im Extremfall das Mobiliar.
  3. Die Eltern von jugendliche Komasäufern können wegen des Arztgeheimnisses nicht benachrichtigt werden.
  4.  Komasäufer verursachen Kosten, die zulasten der Allgemeinheit gehen.

 

Es sind dies alles Punkte, die nur mit einer Ausnüchterungszelle ausserhalb der Spitalstrukturen gelöst werden könnten. Löffel verwies auf das Beispiel der Stadt Zürich, wo eine solche ZAS seit bald einem Jahr in Betrieb ist. Nach der sechsmonatigen Projektphase erklärte der zuständige Projektleiter gemäss NZZ, dass die Erfahrungen leider klar gezeigt hätten, dass die ZAS notwendig sei. Aber gerade das Beispiel von Zürich wollte unter anderen Polizeidirektor Hans-Jürg Käser (FDP) nicht gelten lassen. «Der Zürcher Ansatz ist im Kanton Bern nicht denkbar», sagte er. Denn wo soll die Ausnüchterungsstelle stehen? In Bern, Adelboden oder Langnau? Worauf Löffel antwortete, dass er nie gesagt habe, es müsse nur eine Ausnüchterungsstelle errichtet werden.

 

Wie der EVP-Politiker gegenüber dieser Zeitung erklärte, müsste in Bern der Anfang gemacht werden. Je nach Erfahrung könnte man dann das Angebot auf andere Orte ausweiten. Es gebe auch die Möglichkeit mobiler ZAS, wie sie bereits heute bei Grossanlässen vor Ort eingesetzt würden.

 

Medizinisches Problem

 

Regierungsrat Käser bekämpfte die Motion nicht nur aus geografischen, sondern auch aus medizinischen Gründen. Die medizinische Beurteilung erfordere ärztliche Fachkompetenz. «Ich will nicht bei der Polizei noch medizinisches Person anstellen», sagte er. Auch darauf hatte Löffel eine Antwort: Erstens sei nirgends gesagt, dass Ausnüchterungszellen von der Polizei betrieben werden müssten. Und zweitens mussten in Zürich nur 22 von 366 eingelieferten Patienten in ein Spital übergeführt werden. Seine Motion wurde mit 92 zu 46 Stimmen überwiesen.

 

Erschienen in der BZ am 27. Januar 2011

Claude Chatelain