Unnötige Arbeit dank Datenschutz

Schulhaus Eisengasse in Bolligen
Schulhaus Eisengasse in Bolligen

Der Datenschutz treibt seltsame Blüten. Auch in den Schulstuben. Damit der Lehrer auf dem Computer nur die Noten seiner eigenen Schüler sieht, muss der Schulleiter eine aufwendige Fleissübung veranstalten.

 

Das Problem ist Folgendes: Der Französischlehrer darf nicht wissen, was seine Schüler im Deutsch für eine Note haben. Und die Deutschlehrerin darf nicht wissen, wie ihre Schüler im Franz abschneiden. Der Klassenlehrer darf zwar wissen, wie seine Schülerinnen und Schüler von den Fachlehrern bewertet werden. Aber er darf nicht wissen, wie Schüler der Parallelklasse benotet werden.

8000 Klicks in einer Schule

 

Um solchen Geheimhaltungsvorgaben zu genügen, muss der Schulleiter am Computer eine ziemlich aufwendige Übung durchziehen. Im Oberstufenzentrum Eisengasse in Bolligen mit einem Fachlehrersystem, mit Niveaufächern und fakultativen Fächern sind daher auf dem Computer mehr als 8000 Kreuze einzutöggeln. «Der Zeitaufwand und die Fehlerquote sind bei dieser nicht gerade intelligenten Arbeit eher gross, der Reparaturaufwand ebenso», sagt Schulleiter Peter Sahli. Auch SP-Grossrat Roland Näf, Co-Schulleiter der Schule Seidenberg in Gümligen, zeigt wenig Verständnis für diese Arbeitstherapie: «Für diese Übung muss ich mindestens zwölf Stunden aufwenden, was sonst in zwei Stunden zu machen wäre.» Der Schulleiter muss auf dem Computer jede Lehrperson in jedem Fach in jeder Klasse zuteilen – oder später eine Zuteilung wieder löschen. Auf dem Bildschirm erscheint eine Tabelle. Am linken Rand sind die Namen der Lehrer, am oberen Rand die Fächer aufgeführt. Und so muss der Schulleiter oder ein Administrator auf dem Punktmuster immer dort ein Kreuz reinklicken, wo in der Matrix das Schulfach und die Lehrkraft zusammentreffen. Damit wird sichergestellt, dass die Lehrkräfte nur die Bewertungen ihrer Schüler sehen können.

 

Keine Austauschplattform

 

Wie begründet die Erziehungsdirektion diese aufwendige Übung? Die Webapplikation «Beurteilung 04» diene der Erstellung und Archivierung der Beurteilungsberichte. «Sie kann aber dem Lehrkörper nicht als Austauschplattform für die pädagogische Diskussion über die Beurteilung einer Schülerinnen oder eines Schülers dienen», erklärt Markus Christen, stellvertretender Vorsteher der Abteilung Volksschule und Entwicklungsprojekte. Für die Sicherheit der erhobenen Daten sei der Kanton zuständig. Bereits vor einigen Jahren sei eine Einschätzung aus Sicht des Datenschutzes vorgenommen worden. So wurden laut Markus Christen Massnahmen definiert, welche zur Einhaltung der Datenschutzvorgaben umgesetzt werden mussten. Eine dieser Massnahme war die Rollenteilung mit einer differenzierten Zugriffsberechtigung für die Lehrpersonen.

 

Notenkonferenz

 

Datenschutz hin oder her: «Wir kommen nicht darum herum, das Arbeits- und Lernverhalten im Team zu beurteilen. So haben die Lehrer so oder so Kenntnis von den Noten anderer Fächer», erklärt Roland Näf. Er gesteht, dass er manchmal bei allen Lehrern ein Kreuz anklickt. Denn wenn er ein Kreuz vergisst oder an einem falschen Ort anklickt, werde dem betreffenden Lehrer der Zugriff verwehrt. Genau das macht auch Urs Guggisberg, bisher Schulleiter in Busswil und neu im Oberstufenzentrum Orpund: «Wir haben in Busswil alles allen zugeteilt», sagt er. Für Peter Sahli vom Oberstufenzentrum Eisengasse in Bolligen ist die aufwendige Übung auch deshalb schwer nachvollziehbar, weil den Schulen immer neue administrative Arbeiten übertragen werden, ohne dass die zur Verfügung stehenden Ressourcen entsprechend erhöht werden.

 

Erschienen in der BZ am 19. September 2011

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Claude Chatelain