Die Finanzkrise trifft Postfinance nur am Rande

Jürg Bucher, Chef von Post und Postfinance.
Jürg Bucher, Chef von Post und Postfinance.

Von den Aktienkurs- und Währungsturbulenzen ist die Postfinance kaum betroffen. Das Staatsunternehmen konnte im Juli und August zulegen.

 

Eine breite Streuung von Anlagen senkt das Risiko eines Wertschriftenportefeuilles. Dies hat der Erfinder der modernen Portfoliotheorie Harry Markowitz in den 50er-Jahren nachgewiesen. Dafür erhielt er den Nobelpreis. Keinen Nobelpreis wird die Postfinance erhalten. Gemessen an der Portfoliotheorie, macht das Unternehmen fast alles falsch. Gemessen an den nackten Zahlen, macht es dafür fast alles richtig: das Fazit von Jürg Bucher, der die Post und die Postfinance in Personalunion leitet: «Die Aktienkursturbulenzen und die Währungsschwankungen treffen die Postfinance kaum.»

Der Grund liegt in der konservativen Strategie: Von den Kundengeldern von rund 90 Milliarden Franken sind weniger als ein halbes Prozent in Aktien investiert. Unbedeutend ist auch der Anteil fremder Währungen, wobei diese erst noch abgesichert sind. Stolze 22 Milliarden sind auf dem Geldmarkt platziert, der in der heutigen Zeit der historisch tiefen Zinsen praktisch keinen Ertrag abwirft.

 

Zinsen nicht abgesichert

 

Im Gegensatz zu Geschäftsbanken wie etwa der Valiant-Bank hat die Postfinance die Zinsen nicht abgesichert. Sie verliert damit auch kein Geld, sollten die Zinsen auf tiefem Niveau verharren. Bucher geht davon aus, dass der Jahresgewinn der Postfinance in der Grössenordnung des Vorjahres von 575 Millionen Franken ausfallen wird, derweil andere Banken wohl eine Gewinneinbusse werden hinnehmen müssen. Schon am 27. Juli konnte die Postfinance für das erste Halbjahr 2011 eine Zunahme neuer Kunden und die Eröffnung neuer Konti vermelden. Dieser Wachstumstrend hat sich im Juli und August noch beschleunigt: Seit Anfang Jahr hat die Postfinance 69 000 neue Kunden registriert und 152 000 zusätzliche Konti eröffnet.

 

Wie spürt nun die Postfinance die aktuelle Finanz- und Vertrauenskrise? «Wir konnten mehr Kundengelder in Euro, mehr Eurobezüge an Postomaten und 2900 zusätzliche Kunden auf unserer Handelsplattform E-Trading feststellen», meinte gestern Jürg Bucher an einem runden Tisch in Bern. Begleiterscheinungen, welche auch anderen Finanzinstituten nicht unangenehm wären.

 

Erschienen in der BZ am 14. September 2011

Claude Chatelain