Vierte Säule: So funktioniert der Rettungsschirm

Kennen Sie den?

 

Es ist ein trüber Tag in einer irischen Stadt. Es regnet, und alle Strassen sind wie leer gefegt. Die Zeiten sind schlecht, jeder hat Schulden, alle leben auf Pump. An diesem Tag fährt ein reicher deutscher Tourist durch die Stadt und hält vor einem kleinen Hotel. Er sagt dem Besitzer, dass er sich die Zimmer anschauen möchte, um allenfalls zu übernachten, und legt als Kaution einen 100-Euro-Schein auf den Tresen. Der Eigentümer gibt ihm die Schlüssel.

 

1. Als der Besucher die Treppe hinaufgestiegen ist, nimmt der Hotelier den Geldschein, rennt zum Metzger und bezahlt seine Schulden.

 

2. Der Metzger nimmt die 100 Euro, läuft die Strasse runter und bezahlt den Bauern.

 

3. Der Bauer nimmt die 100 Euro und bezahlt seine Rechnung bei der Genossenschaft für landwirtschaftliche Produkte.

 

4. Der Mann dort rennt mit dem 100-Euro-Schein zur Kneipe und bezahlt seine Getränkerechnung.

 

5. Der Wirt schiebt den Schein zu einer an der Theke sitzenden Prostituierten, die auch harte Zeiten hinter sich hat und dem Wirt einige Gefälligkeiten auf Kredit gewährt hatte.

 

6. Die Hure rennt zum Hotel und bezahlt ihre ausstehende Zimmerrechnung mit den 100 Euro.

 

7. Der Hotelier legt den Schein wieder zurück auf den Tresen. In diesem Moment kommt der Reisende die Treppe herunter, nimmt seinen Geldschein und meint, dass ihm keines der Zimmer gefällt. Er verlässt die Stadt.

 

Niemand produzierte etwas. Niemand verdiente etwas. Alle Beteiligten sind ihre Schulden los und schauen mit grossem Optimismus in die Zukunft.» So, liebe Leser, jetzt wisst Ihr Bescheid. So einfach funktioniert das Rettungspaket, das die EU-Länder zur Rettung der hochverschuldeten Länder geschnürt haben.

 

PS: Den Urheber dieser Lektion kenne ich nicht. Ein Banker aus den USA hat mir sie gemailt. Künstlerpech, sollte ich ein Copyright verletzt haben.

 

Erschienen in der BZ am 13. September 2011

Claude Chatelain