Versicherte wollen am falschen Ort sparen

Eine grosse Mehrheit der Schweizer ortet bei den Krankenkassen ein grosses Sparpotenzial. Auch deshalb, weil die Verwaltungskosten zu hoch eingeschätzt werden.

Vier von fünf Schweizerinnen und Schweizern sind der Meinung, im Gesundheitswesen müsse man sparen. Aber wo sollte man ansetzen? An erster Stelle bei den Medikamenten, an zweiter bei den Krankenkassen und erst an sechster Stelle bei den Spitälern. Dies ergab die «Sondage Santé 2011», eine repräsentative Telefonbefragung von Santésuisse. Die Einschätzung der Bevölkerung deckt sich in keiner Weise mit den Expertenmeinungen und auch in keiner Weise mit den realen Kostenverhältnissen. Von den gesamten Gesundheitsausgaben machen die Kosten für Medikamente 9 Prozent aus. Die Krankenkassen, wo 71 Prozent der Bevölkerung ein grosses Sparpotenzial vermuten, verursachen dagegen nur 4,3 Prozent der Gesamtkosten. Die Krankenversicherer sind ja gewissermassen eine Art Durchlauferhitzer, bei welchen auf der einen Seite die Prämien hereinfliessen und auf der anderen Seite die Leistungen für Spitäler, Ärzte und Medikamente bezahlt werden. Gesundheitsexperten orten jedoch das grösste Sparpotenzial bei den Spitälern, wo auch die weitaus höchsten Kosten anfallen. Doch nur 50 Prozent der Befragten meinen, dass bei den Spitälern noch Luft drin sei, wo man den Rotstift ansetzen sollte.

 

Kostentreiber Krankenkasse?

 

Es muss für die Krankenkassen frustrierend sein, dass ihre Verwaltungskosten in der Grundversicherung Jahr für Jahr auf über 30 Prozent geschätzt werden, dabei betragen sie lediglich knapp 6 Prozent. Gerade im Hinblick auf die Abstimmung über die Einführung einer Einheitskrankenkasse haben die Krankenversicherer ein ureigenes Interesse, nicht als Kostentreiber dazustehen. Wie jedoch die zum neunten Mal durchgeführte «Sondage Santé» zeigt, scheint es den Krankenversicherern nicht zu gelingen, in dieser wichtigen Frage eine Bewusstseinsänderung herbeizuführen (Grafik). Wenig überraschend sprechen sich in der Befragung 66 Prozent für eine Einheitskrankenkasse aus. Für den Soziologen Franz Neff-Pidoux, der im Auftrag von Santésuisse den Fragebogen erarbeitet hat, müsse das zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nichts heissen. Auch beim letzten Mal, als über eine Einheitskrankenkasse abgestimmt wurde, sprach sich im Vorfeld des Abstimmungskampfs eine deutliche Mehrheit für eine Einheitskrankenkasse aus.

 

INFOTHEK

 

In der am Montag beginnenden Herbstsession werden die Räte zum wiederholten Mal über Managed Care debattieren. Umstritten sind im Wesentlichen zwei Punkte:

- die Höhe des Selbstbehalts;

- die Verpflichtung für Krankenkassen, Managed-Care-Angebote zu führen.

 

Gemäss der Telefonbefragung «Sondage Santé» plädiert eine immer grössere Mehrheit der Schweizer Bürger für einen weiteren Ausbau der Managed-Care-Netze. 72 Prozent sind der Auffassung, dass sie die Qualität der medizinischen Betreuung verbessern und die Gesundheitskosten

 

 

senken. Gleichzeitig mit Santésuisse gab gestern auch PWC ihre Ergebnisse über eine Umfragezu Managed Care bekannt – und kommt zu einem anderen Schluss. Laut PWC möchte eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung nicht in einem Managed-Care-Modell versichert sein. Die Hälfte sei allerdings der Meinung, dass Managed Care zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen beitragen könnte. Doch die Verunsicherung hinsichtlich der Wirkung solcher Modelle sei gross. Was einmal mehr den Verdacht schürt, dass man mit Umfragen fast alles beweisen kann – auch das Gegenteil.

 

Erschienen in der BZ am 9. September 2011


Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Claude Chatelain