Nicht alle Exporteure leiden

Aufgrund der kollektiven Klagen könnte man meinen, die ganze Schweizer Exportindustrie verzweifle am starken Franken. Einige aber profitieren – dank tieferer Importpreise.

Die Exportwirtschaft stöhnt unter dem harten Franken. Sie stöhnt so laut, dass sich der Bundesrat genötigt fühlt, 2 Milliarden Franken Steuergelder lockerzumachen – zwecks Subventionierung der Exportbranche. Aber sind die Klagen überhaupt berechtigt? Zumindest laut Mathias Binswanger, Volkswirtschaftsprofessor der Universität Nordwestschweiz, sind sie es nicht. «Zu Klagen besteht kein Anlass», sagte er in der NZZ. Auch gemäss Lehrbuch ist die Aufwertung einer Währung nicht unbedingt vom Teufel.

 

Wer Waren exportiert, importiert in den meisten Fällen Rohstoffe oder Halbfabrikate oder beides zusammen. Und wenn der Kurs der eigenen Währung steigt, sind diese Rohstoffe und Halbfabrikate günstiger zu haben. Hier stellt sich die entscheidende Frage, ob die Vor- oder die Nachteile überwiegen. Anders gesagt: wie sich Nachfrage und Angebot aufgrund der Wechselkursbewegungen verändern. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von den Terms of Trade und der Preiselastizität (Kasten).

 

Laut Mathias Binswanger ist die Elastizität für Schweizer Exportgüter gering. Das heisst, dass ausländische Käufer bereit sind, für Qualitätsgüter höhere Preise zu bezahlen. Eine andere Meinung vertritt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Die Schweiz sei ein Sonderfall. Ihre Exportgüter seien in ihrer Gesamtheit relativ gut ersetzbar, erklärt Bruno Parnisari vom Seco. Anders sei dies in Ländern wie Australien oder Südafrika, deren Währung ebenfalls aufgewertet wurde. Sie exportieren hauptsächlich Rohstoffe, die man nur beschränkt anderswo kaufen könne.

 

Die Klagen sind übertrieben

 

Binswanger meinte dagegen in der «NZZ am Sonntag»: «Die Verteuerung zahlreicher Schweizer Exportprodukte hat relativ wenig Einfluss auf die Nachfrage.» Dies weise darauf hin, dass ein Grossteil der Schweizer Exportgüter qualitativ hochstehend seien und sich nicht leicht durch ausländische Produkte ersetzen liessen. Das gelte insbesondere für spezielle Messgeräte oder pharmazeutische Produkte. «Ein Grossteil der Schweizer Exportindustrie leidet somit nicht wirklich unter dem starken Franken», sagt Binswanger.

 

Nur langfristig schädlich

 

Das Seco stützt sich auf langfristige Betrachtungen; und Binswanger räumt ein, dass die Preiselastizität bei langfristiger Betrachtung zunimmt, dass also die Nachfrage nach ständig sich verteuernden Exportgütern in ferner Zukunft abnimmt. Allerdings, so Binswanger, «handelt es sich bei den Wechselkursschwankungen meist um relativ kurze Phänomene von wenigen Jahren.» Sicher ist jedoch, dass nicht alle Exporteure in dem Masse von den tieferen Importpreisen profitieren können, wie das aufgrund des Lehrbuchs zu erwarten wäre. «Der Importpreisindex liegt heute auf dem gleichen Niveau wie Ende 2009», sagte Rudolf Strahm im «Montagsinterview» dieser Zeitung. Warum dem so ist, wurde schon breit erörtert. Hier hat der Markt versagt, weshalb nun der Bundes-rat wettbewerbsrechtliche Massnahmen ergreifen will.

Grosskonzerne profitieren.

 

Zu leiden unter den starren Importpreisen haben die KMU, weniger jedoch die Grosskonzerne mit Filialen im Ausland. Wie Strahm erklärte, können sie über ihre ausländische Tochter den Einkauf tätigen, eine konzerninterne Transaktion vollziehen und den Währungsgewinn einstreichen.

 

 

INFOTHEK

 

Die Preiselastizität ist ein Mass dafür, wie die Nachfrage nach Gütern auf Preisänderungen reagiert. Je höher die Preiselastizität, desto stärker reagiert die Nachfrage auf den geänderten Preis. Eine hohe Preiselastizität nach Import- und Exportgütern führt bei einem hohen Franken dazu, dass weniger Güter im Ausland verkauft werden können, während die Verbilligung der Importe eine wesentliche Zunahme der Gütereinfuhr bewirkt. Auf diese Weise sinken die Exporterlöse, während umgekehrt die Importausgaben steigen. Das

 

 

 

 

heisst, die Terms of Trade verschlechtern sich. Sind aber die Elastizitäten gering, hat ein starker Franken den gegenteiligen Effekt. In diesem Fall ändern sich die importierten und exportierten Mengen nur wenig, während sich die Importe relativ zu den Exporten laufend verbilligen. Dies führt dann zu einer Verbesserung der Handelsbilanz oder eben einer Verbesserung der Terms of Trade.

 

Erschienen in der BZ am 26. August 2011


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Claude Chatelain