Vierte Säule: Die zweite Säule ist stärker als ihr Ruf

Wann immer die Börsenkurse in die Tiefe sausen, treten die Schwarzmaler auf den Plan, verweisen auf den desolaten Zustand der Pensionskassen und drohen mit Rentenkürzungen in der beruflichen Vorsorge.

Gute Gelegenheit also, in Erinnerung zu rufen, dass der zukünftige Rentner nicht unbedingt schlechter gestellt ist als der heutige. Wohl muss der künftige Rentner damit rechnen, dass die Umwandlungssätze wegen der längeren Lebenserwartung nach und nach gesenkt werden, was tiefere Renten zur Folge hat. Doch viele haben vergessen, dass das Gesetz über die berufliche Vorsorge erst seit 1985 und das Freizügigkeitsgesetz erst seit 1995 in Kraft sind.

 

Viele Arbeitnehmende sind also erst seit 1985 einer Pensionskasse angeschlossen. Wenn sie heute in Pension gehen, werden sie 26 Jahre lang einbezahlt haben. Jene, welche in zehn Jahren in Pension gehen, werden aber 36 Jahre lang Beiträge bezahlt haben und damit auf ein höheres Alterskapital kommen. Nicht minder relevant ist das Freizügigkeitsgesetz, welches erst 1995 in Kraft trat. Als ich 1989 für ein paar Jahre in die USA auswanderte, liess ich mir das Pensionskassenkapital auszahlen – erhielt aber nur die Arbeitnehmerbeiträge. Die Arbeitgeberbeiträge blieben bei der Pensionskasse.

 

Gleich ging es anderen Mitstreitern, die vor 1995 den Arbeitgeber wechselten. Auch sie werden wegen fehlender Arbeitgeberbeiträge nicht ein so hohes Kapital anhäufen wie jene, welchen seit dem 25. Altersjahr sämtliche Arbeitgeberbeiträge gutgeschrieben werden. Selbstverständlich sind insbesondere die öffentlichen Pensionskassen nicht auf Rosen gebettet. Selbstverständlich leben wir im Schnitt länger. Und selbstverständlich werfen die Finanzmärkte nicht mehr jene Erträge ab wie in den Neunzigerjahren. All das wird jedoch wie ein Mantra wiederholt. Ich wollte hier nur sagen, was sonst gerne verschwiegen wird. Denn weder die Gewerkschaften noch die Pensionskassenlobbyisten haben ein Interesse daran, die Situation in der beruflichen Vorsorge schönzureden.

 

Erschienen am 23. August 2011

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Claude Chatelain