Schmerzen? Sag's doch schnell per Telefon

Ärztin Anita Berndt an ihrem Arbeitsplatz in Basel
Ärztin Anita Berndt an ihrem Arbeitsplatz in Basel

In Basel steht Europas grösstes telemedizinisches Zentrum, bei welchem Ärzte via Telefon medizinische Diagnosen stellen. Krankenversicherte mit einem Telmed-Modell kennen Medgate aus eigener Erfahrung. Ein Besuch an der Dufourstrasse am Rheinknie.

 

Würden im Grossraumbüro an der Dufourstrasse 49 in Basel Männer im weissen Hemd mit locker gebundener Krawatte sitzen, glaubte man sich im Handelsraum einer Grossbank. Doch bei Medgate sitzen keine Börsenhändler hinter den Bildschirmen, sondern Ärztinnen, Ärzte, Praxisassistentinnen, Pflegefachleute und Callcenter-Agentinnen. Sie verkaufen keine Wertschriften; sie geben medizinische Ratschläge und beraten Patienten aus der Ferne.

Anita Berndt erkennt man kaum als Ärztin. Sie trägt Kleidung, wie man sie in irgendeinem Büro oder zu Hause trägt. Frau Berndt könnte ebenso gut eine Callcenter-Agentin sein. Kein Wunder, denn sie muss in ihrem beruflichen Alltag nicht mit Stethoskop, EKG oder Spritzen hantieren; sie muss vor allem den Computer bedienen und telefonieren. Das tut sie nun seit zwei Jahren bei Medgate in Basel. Vorher arbeitete sie während zehn Jahren in einer Hausarztpraxis in Frankfurt am Main und war vier Jahre Oberärztin im französischen Nantes.

Telemedizin nennt sich dieses relativ neue Geschäftsmodell. Da ruft eben ein besorgter Vater einer vierjährigen Tochter an. Die Tochter hatte vor drei Tagen 39,5 Grad Fieber und zwischenzeitlich leichtes Nasenbluten. Ausserdem hört sie seither ganz schlecht. Ansonsten ist sie wohlauf und hat momentan kein Fieber mehr. «Kommt aus der Nase Kruste heraus?» Und: «Hat Ihre Tochter Ohrenweh?», fragt die gelernte medizinische Praxisassistentin Mona Wulf. «Sagen Sie Ihrer Tochter, sie solle den Nabel anschauen; kann sie das ohne Schmerzen?» All die Antworten tippt Mona Wulf in den Computer, beruhigt den besorgten Vater und erklärt ihm, in einer halben Stunde werde ein Arzt oder eine Ärztin mit ihm Kontakt aufnehmen. Geht bei Medgate ein Anruf ein, nimmt zuerst eine Callcenter-Agentin die Personalien auf und fragt nach dem Grund des Anrufs. Dann gelangt das Gespräch in die Schlaufe, bis eine Praxisassistentin frei ist. Sie stellt gezielte Fragen, beurteilt die Dringlichkeit und leitet den Fall an eine Ärztin oder einen Arzt weiter.

 

60 Ärztinnen und Ärzte stehen bei Medgate unter Vertrag. Eine davon liest auf dem Bildschirm, was die Praxisassistentin Mona Wulf eben über das vierjährige Mädchen geschrieben hat. Sie ruft den Vater an und fragt: «Ist das Ohr rot, heiss oder geschwollen?», und «Hat das Kind noch weitere Symptome?». Da das Mädchen keine akuten Ohrenschmerzen und im Moment kein Fieber hat, wird dem Vater geraten, seine Tochter zu beobachten, auf Alarmsymptome wie Fieber, Ausschlag, Ohrenausfluss zu achten und nochmals anzurufen, falls sich der Zustand verschlechtere. Zudem solle das Mädchen viel trinken und die Nase spülen, sagt die Ärztin. Wie kommt eine Praxisassistentin dazu, die Arztpraxis durch ein Callcenter zu ersetzen? «Ich lerne hier unheimlich viel. Ich kann schon am Ton des Anrufers erkennen, wie gut oder schlecht es ihm geht», sagt die deutschstämmige Mona Wulf. Ausserdem schätze sie die geregelte Arbeitszeit. «Wenn um fünf Uhr Schluss ist, dann ist meistens um fünf Uhr auch Schluss, weil dann Schichtwechsel ist.» Und schliesslich sei sie ganz froh, nicht mehr der Ansteckungsgefahr ausgesetzt zu sein.

 

Hier werden Patienten "behandelt"
Hier werden Patienten "behandelt"

Die Ärztin Anita Berndt war ursprünglich skeptisch, ob telemedizinische Beratung überhaupt funktioniert. «Wie viele andere Ärzte befolgte ich das Dogma, einen Patienten müsse man sehen und abtasten können», sagt sie. Heute weiss sie es besser: «Ja, es funktioniert – und zwar sehr gut.» Es sei natürlich etwas ganz anderes, ob man einen Menschen von Auge zu Auge oder via Telefon berate. «Aber es ist total spannend hier», sagt die dreifache Mutter. Zusätzlich kommt ihr entgegen, dass das telemedizinische Zentrum gerade für teilzeitbeschäftigte Ärztinnen ideale Arbeitsbedingungen bieten kann. Sie hat den gleichen Verdienst, wie wenn sie in einem Spital arbeiten würde.

 

Eine grosse Hilfe leistet Medgate bei Hautkrankheiten. Bei Dermatologen hat man unter Umständen Wartezeiten von mehreren Wochen. Bei Medgate übermittelt man elektronisch ein Foto vom Ausschlag, und die Spezialisten in Basel werden die Flecken, Punkte, Schuppen und Pickelchen benennen und eine entsprechende Behandlung empfehlen können.

 

Für manche Patienten ist Medgate mehr eine Schikane als eine Dienstleistung. Sie haben bei ihrer Krankenkasse aus Kostengründen das Telmed-Modell abgeschlossen und sich damit verpflichtet, vor einem Arzttermin noch Medgate anzurufen. Als ob man die unbekannten Ärzte in Basel fragen müsste, ob man jetzt zum Hausarzt gehen darf. Die Krankenkassen wollen mit dieser Hürde verhindern, dass der Kunde wegen eines jeden «Bobo» zum Arzt rennt. Dann gibt es aber noch die andere Kategorie von Kunden, die von Medgate einen medizinischen Rat einholen und auf einen Arztbesuch wenn möglich verzichten möchten. «Mehr als die Hälfte der Patientinnen und Patienten kann durch Medgate abschliessend telemedizinisch behandelt werden und benötigt nach der Telekonsultation keinen weiteren Arzt- oder Spitalbesuch», erklärt Marketingchef Cédric Berset.

 

Auch Patienten mit einer ganz gewöhnlichen Krankengrundversicherung ohne Telmed-Modell können sich kostenlos bei Medgate beraten lassen. Bedingung: Man ist bei einer Krankenkasse versichert, die bei Medgate Partner ist. Von den ganz grossen Kassen sind Helsana, CSS, Sanitas und ÖKK dabei. Auch die Grundversicherten der Berner Kassen KPT, Atupri, Innova und der Krankenkasse Steffisburg können gratis die Dienste von Medgate in Anspruch nehmen. Nicht dabei sind unter anderen Concordia, Swica und Visana.

 

Neben den 60 Ärzten beschäftigt die vom ehemaligen Rega-Arzt Andy Fischer gegründete Firma 50 telemedizinische Assistentinnen und Assistenten sowie 60 Callcenter-Agents. Inklusive Backoffice sind 220 Personen auf der Lohnliste, damit in drei Landessprachen rund um die Uhr bis zu 4300 Telefonkonsultationen täglich durchgeführt werden können. Die drei Gründer, Geschäftsleitungsmitglieder und Verwaltungsräte Andy Fischer, Lorenz Fitzi und André Moeri besitzen 60 Prozent des Aktienkapitals; 40 Prozent hält Swisscom als «strategische Beteiligung», wie Berset auf dem Rundgang festhält. Weder ein Pharmagigant noch eine Krankenkasse oder eine Spitalorganisation sind an Medgate beteiligt. Cédric Berset sagt: «Wir sind völlig unabhängig.»

 

Erschienen in der BZ am 23. August 2011

Claude Chatelain