"Ich habe den Tourismus wiederholt als Krückenbranche bezeichnet"

Rudolf Strahm
Rudolf Strahm

Der Ökonom, ehemalige Preisüberwacher und SP-Nationalrat Rudolf Strahm findet es richtig, dass der Bundesrat der Exportindustrie hilft. Gar nichts hält er von Negativzinsen, wie das Exponentinnen seiner Partei fordern.

 

Herr Strahm, man hat Sie heuer noch kaum in der Aare gesehen.

Rudolf Strahm: In der Aare war ich selten, weil sie zu kalt war. Dafür hat man mich Dutzende Male im Moossee gesehen.

Im Moossee, weil er wärmer ist?

Er ist nicht nur wärmer als die Aare. Er ist auch archäologisch interessant. Wo die Liegewiese ist, war ein Pfahlbauerdorf. Jetzt haben sie dort einen spektakulären Fund aus dem Neolithikum, aus der Jungsteinzeit, gemacht; sie haben einen mehrere Meter langen, 5600-jährigen Einbaum gefunden. 

Pfahlbauer-Ausgrabungen am Moossee.
Pfahlbauer-Ausgrabungen am Moossee.

Ich dachte schon, Sie hätten für die Aare keine Zeit, weil Sie als 68-jähriger Pensionär noch mehr arbeiten als früher.

Vor der Pensionierung fürchtete ich, ich würde in ein Loch fallen. Deshalb habe ich fast zu viele Aufträge entgegengenommen. Jetzt bin ich daran, wieder etwas herunterzufahren. Meine Tagesarbeit fängt meistens erst vormittags um 10 Uhr an. Vorher mache ich Sport, Schwimmen oder Jogging.

 

Der Bundesrat gab vergangene Woche bekannt, 2 Milliarden Franken für die Exportwirtschaft zu verteilen. Eine gute Idee?

Der Vorschlag ist für mich noch zu schwammig, als dass ich mir ein Urteil bilden könnte. Man weiss nicht, wie die 2 Milliarden eingesetzt werden, wer davon profitieren wird und nach welchen Kriterien das Geld verteilt werden soll. Ich finde es richtig, dass man die Exportindustrie unterstützt.

 

Warum ist das richtig?

Für viele Exporteure ist der hohe Franken schmerzhaft – insbesondere für KMU. Weniger schmerzhaft ist der harte Franken für Grosskonzerne mit Filialen im Ausland. Sie können über ihre ausländische Tochter den Einkauf tätigen und dann eine konzerninterne Transaktion vollziehen. So kann das Mutterhaus den Währungsgewinn verbuchen. Ein KMU hat diese Möglichkeit nicht.

 

Also plädieren Sie dafür, dass man die Exportwirtschaft subventioniert.

Es kommt darauf an, wie der Bundesrat die 2 Milliarden Franken einsetzt. Das Geld auf verschiedene Unternehmen «richtig» zu verteilen, wird nicht gelingen. Sinnvoll sind aber meines Erachtens Investitionen in die Innovation, angewandte Forschung und Umschulung des Personals in den Betrieben, um den Strukturwandel abzufedern.

 

Beispiel der Hotellerie: Wie soll diese unterstützt werden?

Ich habe den Tourismus wiederholt als Krückenbranche bezeichnet. Einmal wurde mir von einem wütenden Touristiker vor laufender Kamera sogar eine Krücke überreicht. Der Tourismus muss das Preis-Leistungs-Verhältnis verbessern. Und dazu braucht es noch besser ausgebildetes Personal.

 

Ist die Hotellerie nicht überdimensioniert? Sie füllt die Betten nicht und ist auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen.

55 Prozent der Beschäftigten in der Hotellerie und im Gastgewerbe sind Ausländer. Obschon diese heute besser ausgebildet sind als früher, ist die Hotellerie eine strukturschwache Branche. Nebenbei ist das auch eine Tragik des Kantons Bern, der mit dem Tourismus und der Landwirtschaft vor allem strukturschwache Branchen beheimatet. 

Rudolf Strahm: "Bundesrat Johann Schneider-Ammann wird nicht darum herumkommen, auch dem Tourismus unter die Arme zu greifen".
Rudolf Strahm: "Bundesrat Johann Schneider-Ammann wird nicht darum herumkommen, auch dem Tourismus unter die Arme zu greifen".

Also will man mit 2 Milliarden Franken Steuergeldern ausländische Arbeitsplätze retten. Das kann doch nicht das Ziel sein.

In der ökonomischen Analyse haben Sie recht. Politisch sieht es anders aus. Die strukturschwachen Branchen wie Tourismus und Landwirtschaft haben im Parlament die grösste Lobby. Bundesrat Johann Schneider-Ammann wird nicht darum herumkommen, auch dem Tourismus unter die Arme zu greifen.

 

Politisch richtig, aber ökonomisch falsch.

Ja, so könnte man es auch sagen. Wobei es auch ökonomisch nicht falsch ist, wenn man Steuergelder zum Beispiel in die Qualitätsverbesserung des Personals oder in die nationale Tourismuswerbung steckt.

 

Sind die Klagen der Exportindustrie gerechtfertigt? Wer exportiert, importiert auf der anderen Seite Rohstoffe und Halbfabrikate und profitiert somit von tieferen Importpreisen.

Nach dem Lehrbuch haben Sie recht. Leider sind die Importpreise trotz des teuren Frankens nicht gesunken. Der Importpreisindex liegt heute auf dem gleichen Niveau wie Ende 2009.

 

Wäre es also nicht besser, den Hebel bei der Wettbewerbspolitik anzusetzen?

Genau dies. Das ist auch die Absicht des Bundesrats. Er will mit einer besseren Wettbewerbspolitik die unbeweglichen Importpreise knacken. Wir haben die Situation, dass ausländische Hersteller die in die Schweiz gelieferten Markenprodukte und Konsumgüter in Franken fakturieren. Achtzig Prozent des Aufwertungsgewinns des Frankens sind Währungsgewinne für die ausländischen Lieferanten.

 

Sind Migros und Coop nicht mächtig genug, um selber im Ausland einzukaufen?

Die Grösse nützt ihnen hier nichts, weil Preis- und Lieferbedingungen gelten. Die Migros kann Nivea nicht bei Beiersdorf in Deutschland bestellen, sondern nur teurer bei Beiersdorf in Münchenstein. Und die Elmex-Zahnpasta kann die Migros nicht in Deutschland, sondern nur teurer bei Gaba in Therwil beziehen. Der VW-Garagist kann seine Ersatzteile nur bei der Amag und die Amag kann ihre Ersatzteile nur bei VW Deutschland beziehen – und dies in Frankenpreisen.

 

Parallelimporte funktionieren demnach nicht.

Leider nicht. Wir haben einen mangelhaften Importwettbewerb. Deshalb hat der Bundesrat beschlossen, das Kartellgesetz zu verschärfen. Die Schweiz kann zwar nicht auf die ausländischen Hersteller losgehen, aber immerhin auf die Importeure in der Schweiz.

 

War nicht bisher vor allem die FDP gegen ein verschärftes Kartellgesetz, obschon sie zumindest im Programm für mehr Wettbewerb plädiert?

Vor allem die Economiesuisse wehrte sich gegen ein verschärftes Kartellrecht – zum Teil wegen Konzerninteressen im Inland, denn Schweizer Konzerne verhalten sich im Ausland nicht anders. Heute aber könnte der politische Wille stark genug sein, den Wettbewerb zu verschärfen. Konsumenten, Grossverteiler und KMU werden vermehrt Druck ausüben. 

Laut Strahm ist die Nationalbbank in der Lage, bei drohender Inflation das Geld abzuschöpfen.
Laut Strahm ist die Nationalbbank in der Lage, bei drohender Inflation das Geld abzuschöpfen.

Der Franken hat sich mittlerweile wieder abgeschwächt. Können Sie Entwarnung geben?

Nein, der Aufwertungsdruck ist immer noch vorhanden. Immerhin scheinen die ganz grossen Hedgefonds in New York nicht mehr mit einer Aufwertung des Frankens zu rechnen, sodass zumindest der Trend gedreht hat. Doch mit einem Eurokurs zwischen 1.10 und 1.15 sind wir von einem ökonomisch tragbaren Wechselkursverhältnis immer noch weit entfernt.

 

Die Gewerkschaften verlangen von der Nationalbank, ein Wechselkursziel von 1.40 Franken zu definieren. Eine gute Idee?

Das ist nicht abwegig. Dieser Kurs entspricht ungefähr der Kaufkraftparität. Das ist der Wechselkurs, bei dem ein vergleichbarer Korb von Gütern und Dienstleistungen in den verglichenen Ländern gleich teuer wäre. Die Frage ist nur, wie dieses Ziel erreicht werden soll, ob mit einer festen Anbindung an den Euro oder mit einer anderen Massnahme. Denn ich befürchte, dass der Aufwertungsdruck noch über Jahre hinaus bestehen bleibt.

 

Wenn die Nationalbank dieses Wechselkursziel nicht erreicht, verliert sie an Glaubwürdigkeit.

Wenn die Nationalbank ein solches Ziel festlegt, muss sie dazu bereit sein, eine unglaubliche Menge von Franken zu drucken und mit diesen Franken Euros und Dollars zu kaufen. Ich spreche hier von Hunderten von Milliarden Franken. Die Nationalbank ist in der Lage dazu. Sie wird davon keinen Schaden nehmen.

 

Warum macht sie es denn nicht, wenn das so einfach ist?

Wegen der innenpolitischen Opposition.

 

Nicht wegen der Inflationsgefahr?

Erstens besteht derzeit keine Inflationsgefahr, und zweitens kann die Notenbank das Geld bei einer drohenden Inflation wieder abschöpfen.

 

Das ist aber nicht so einfach, wie Sie das jetzt sagen.

Einfach ist es nicht, aber technisch machbar. Schwierig ist nur, den richtigen Zeitpunkt der Abschöpfung zu erwischen. Wenn die Nationalbank die Liquidität zu früh aus dem Markt nimmt, wird der Franken wieder an Wert gewinnen. Nimmt sie die Liquidität zu spät aus dem Markt, haben wir in der Schweiz eine Teuerung.

 

Warum warnen denn immer noch so viele renommierte Ökonomen vor einer Inflation, sollte der Markt mit zu vielen Franken überschwemmt werden?

Weil in den Lehrbüchern immer noch das Wissen der Achtziger- und Neunzigerjahre verbreitet wird. Heute hat die Nationalbank ganz neue geldpolitische Instrumente zur Verfügung, die es vor zwanzig Jahren noch nicht gab. 

Strahm hält nichts von Negativzinsen.
Strahm hält nichts von Negativzinsen.

Eine Parteikollegin von Ihnen forderte im «Blick» Negativzinsen auf Geld, das neu aus dem Ausland zufliesst. Eine Schnapsidee?

Das ist eine antiquierte Vorstellung aus den Siebzigerjahren. Man hat das einmal versucht. Die Wirkung war zweifelhaft. Und vor allem war das Problem in den Siebzigerjahren ein völlig anderes: Damals wollte man verhindern, dass Ausländer im grossen Stil ihr Geld in der Schweiz deponieren, um auf Währungsgewinne zu spekulieren. Heute ist die Welt der Devisenmärkte eine andere. Heute bestimmen Hedgefonds und Sekundentrader in aller Welt das Geschehen, welche die Gelder gar nicht in der Schweiz parkieren. Wer heute noch Negativzinsen für Depots fordert, hat den Meccano der spekulativen Devisenmärkte nicht verstanden.

 

Sie sind Chemiker und arbeiteten fünf Jahre in der Basler Chemie. Was hat Ihnen diese Erfahrung für das spätere Leben als Ökonomen gebracht?

Eine für das ganze Leben nützliche Praxisorientierung und einen gesunden Menschenverstand. Leuten mit einer klassisch akademischen Laufbahn fehlt oft ein Praxisverständnis. Darum bin ich auch ein Verfechter der Berufslehre und unseres dualen Bildungssystems.

 

Chemie ist eine Naturwissenschaft; Ökonomie ist eine Sozialwissenschaft. Wie haben Sie in Ihrem Berufsleben das Spannungsverhältnis einer exakten zu einer nicht exakten Wissenschaft erlebt?

Zuerst hatte ich darunter schon gelitten. Später habe ich eine Art Zynismus gegenüber den Ökonomen entwickelt. Sie tun so, als könnten sie mit ihren scheinexakten mathematischen Modellen die Welt erklären. Dabei stecken dahinter weltanschauliche Vorstellungen. Der Homo oeconomicus ist auch so eine fiktive Lehrbuchvorstellung.

 

Lesen Sie noch Fachliteratur?

Ja natürlich, laufend. Zu meiner Pflichtlektüre gehört zum Beispiel Paul Krugman, Nobelpreisträger und Volkswirtschaftsprofessor der Princeton-Universität. Als Nationalrat hatte ich mir jeweils die Mühe genommen, Krugman vom Englischen ins Deutsche zu übersetzen und meinen Kollegen in der Wirtschaftskommission auszuhändigen.

 

 

Vom Chemiker in Basel zum Ökonomen in Bern

Rudolf Strahm wurde 1943 im Emmental geboren. Er absolvierte eine Berufslehre als Laborant, dann ein Chemiestudium an der Ingenieurschule, ehe er fünf Jahre in der Basler Chemie praktische Erfahrungen als Chemiker sammelte. Es folgte das Studium in Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft an der Universität Bern. Schweizweit bekannt wurde Rudolf Strahm als Nationalrat der SP. 2004 verabschiedete er sich vom Parlament, nachdem er zum eidgenössischer Preisüberwacher gewählt

worden war. Seit 2008 ist der in Herrenschwanden bei Bern wohnhafte Strahm offiziell pensioniert. Diverse Lehraufträge und mehrere Buchpublikationen halten den rüstigen und schnell denkenden Rentner immer noch auf Trab. Sein letzter Buchtitel: «Warum wir so reich sind».

 

Erschienen als "Montagsinterview" in der BZ vom 22. August 2011


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Claude Chatelain