Vierte Säule: Das leidige Kapitel der Taggeldversicherungen

Die Krankenkassen sind verpflichtet, Taggeldversicherungen anzubieten. So will es das Krankenversicherungsgesetz (KVG). Diese Vorschrift ist nötig. Nicht jeder Arbeitgeber hat eine kollektive Taggeldversicherung. Zudem müssten auch Selbstständigerwerbende die Möglichkeit haben, für eine längere Krankheit vorzusorgen.

Leider ist der Gesetzesbuchstabe ohne Wirkung. Denn es steht nichts über die Höhe des Taggeldes geschrieben. Deshalb beschränken die Krankenkassen das maximale Taggeld auf ein paar Franken: die CSS beispielsweise auf müde sechs Franken. Denn die Krankenkassen wollen lieber Taggeldversicherungen laut Versicherungsvertragsgesetz (VVG) statt laut KVG abschliessen. Hier können sie Anträge ohne Angabe von Gründen ablehnen. Von diesem Recht machen sie reichlich Gebrauch.

CVP-Nationalrätin Ruth Humbel.
CVP-Nationalrätin Ruth Humbel.

Es wurden schon verschiedentlich Anläufe unternommen, diesem Malaise zu Leibe zu rücken. Der letzte Vorstoss stammt von der Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel. Sie reichte am 1. Oktober 2010 eine Motion ein, in welcher der Bundesrat beauftragt wird, allen Erwerbstätigen einen wirksamen Versicherungsschutz bei krankheitsbedingtem Erwerbsausfall zu garantieren.

 

Der Bundesrat lehnt die Motion ab und verweist auf den Bericht «Evaluation und Reformvorschläge zur Taggeldversicherung bei Krankheit». In diesem Bericht, der kaum von einem Parlamentarier gelesen wurde, steht unter anderem geschrieben, «dass der Erwerbsausfall bei vorübergehender Krankheit auch ohne eine obligatorische Versicherung weitgehend durch Taggeldversicherungen abgedeckt wird». Womöglich hat der Autor der Studie vorab bei Krankenkassen nachgefragt. Im Kontakt mit Lesern und Direktbetroffenen nehme ich das Problem anders wahr. Noch muss die Motion Humbel im Plenum behandelt werden. Ich zweifle, ob die Parlamentarier gewillt sind, dieses letzte Loch im sozialen Netz zu flicken.

 

Erschienen am 26. Juli 2011

Claude Chatelain