Standpunkt: Der Schweiz fehlt es nicht an Arbeitsplätzen; es fehlt an Arbeitskräften

Als dem ehemaligen Gesundheitsminister Pascal Couchepin in gesundheitspolitischen Debatten jeweils keine Argumente mehr einfielen, verwies er darauf, dass das Gesundheitswesen ein wichtiger Arbeitgeber sei und sehr viele Arbeitsplätze offeriere.

Was der Walliser nicht sagte: Arbeitsplätze von ausländischen Arbeitskräften. Im Gesundheitswesen hat die Schweiz einen Arbeitskräftemangel und keinen Mangel an Arbeitsplätzen.

 

Was im Gesundheitswesen heute schon gilt, wird in zehn Jahren in vielen anderen Branchen auch gelten. Vor einigen Wochen hat das Büro Bass eine Studie veröffentlicht, wonach im Jahr 2030 über 400'000 Arbeitskräfte fehlen werden. Der Arbeitskräftenotstand werde Bereiche erfassen, die für die Lebensqualität der ganzen Bevölkerung entscheidend seien. Es werde einen Pflegenotstand in Spitälern und Heimen, massiv grössere Klassen an der Volksschule wegen Mangel an Lehrkräften und Einschränkungen im Sicherheitsdienst wegen Polizistenmangel geben. Das Resultat der Bass-Studie ist keine Überraschung. Schon im November 2000 schrieb Aymo Brunetti vom Seco in der NZZ: «Das Reservoir an Arbeitskräften in unserem Lande ist weitestgehend erschöpft.» Als Gegenmassnahme sollte alles getan werden, damit Senioren dem Arbeitsmarkt erhalten bleiben. Ältere Menschen seien das wichtigste ungenutzte Arbeitskräftereservoir, über das die Schweiz heute noch verfüge, schrieb Brunetti vor über zehn Jahren.

 

Überraschend an der Bass-Studie ist höchstens der Umstand, dass der Arbeitskräftemangel nicht früher zum Problem wird. Ursprünglich wurde dieser für die Jahre ab 2013 prognostiziert. Dank der kräftigen Zuwanderung konnte nun dieser hinausgezögert werden. Ohne all die Deutschen und anderen Europäer wäre der Arbeitskräftemangel akuter, als er in einigen Branchen heute schon ist.

Um den künftigen Arbeitskräftemangel zu beheben, genügt es nicht, in Zukunft die Senioren länger im Arbeitsprozess zu behalten. Es müssen noch mehr Ausländer ins Land geschleust werden, deshalb noch mehr Landwirtschaftszonen in Bauzonen umgewandelt, noch mehr Häuser und Strassen gebaut und das Mittelland noch mehr zugepflastert werden. Nicht unbedingt verlockende Aussichten.

 

Coop-Chef Hansueli Loosli sagte kürzlich: «Wer ennet der Grenze einkauft, gefährdet Arbeitsplätze.» Und der SP-Chef Christian Levrat klagt: «100'000 Arbeitsplätze sind unmittelbar in Gefahr.» Auch FDP-Präsident Fulvio Pelli verpasst keine Gelegenheit, sich für die Sicherung von Arbeitsplätzen starkzumachen. Das letzte Mal am 7.Mai an der FDP-Delegiertenversammlung in Luzern.

 

Hören wir doch auf mit dieser Scheindebatte. Sagen wir doch deutsch und deutlich, wo das wahre Problem liegt: In der Schweiz mangelt es an Arbeitskräften, nicht an Arbeitsplätzen. Und wer zuoberst auf der politischen Agenda trotzdem die Sicherheit von Arbeitsplätzen notiert, sagt im gleichen Atemzug: «Wir brauchen mehr ausländische Arbeitskräfte.» Wobei man mit diesem Slogan, das sei zugegeben, die Wahlen kaum gewinnen kann.

 

Erschienen in der BZ am 9. Juli 2012

 

Claude Chatelain