Der Hörmittelbranche weht rauherer Wind um die Ohren

Die Hörgerätegeschäfte erhalten weniger von der IV.
Die Hörgerätegeschäfte erhalten weniger von der IV.

Auf den 1. Juli wird bei den Hörgeräten eine neue Pauschalvergütung eingeführt. Verlierer sind alle ausser der überschuldeten IV. Sie will damit jährlich 30 Millionen Franken einsparen.

Wer ein Hörgerät kauft, zahlt dem Akustiker nicht nur den Kaufpreis für das Hörmittel; er zahlt zusätzlich noch eine Dienstleistungspauschale, so etwas wie ein lebenslängliches Dienstleistungsabonnement. Und zwar laut offizieller Lesart «für Beratung, Diagnostik, vergleichende Anpassung mit Probetragen, Erfolgs- und Funktionskontrollen, Erstellen des Anpassberichtes sowie zeitlich unbefristet die Servicearbeiten wie Reinigung, Ersetzen des Schallschlauches, Funktionskontrollen, Überprüfung der Programmierung und Neueinstellungen».

 

Grosszügige Vorauszahlung

 

Damit zahlt der Hörgeschädigte heute für eine Dienstleistung, die er unter Umständen auch in zwanzig Jahren noch in Anspruch nimmt. 2145 Franken hätte Roland Schuck aus Hilterfingen für diese Pauschale bezahlen müssen (Kasten). «Was passiert, wenn ich morgen wegziehe oder sterbe?», fragte Schuck. «Dann haben Sie Pech gehabt», erwiderte der Akustiker (Ausgabe vom 18. November 2010).

 

Neue Pauschalvergütung

 

Pech haben nun die Akustiker: Die IV zahlt keine Beiträge mehr an solche Dienstleistungsabos. Denn auf den morgigen 1. Juli führt der Bundesrat eine neue Pauschalvergütung ein. Gemäss der neuen Regelung wird das Geld nicht mehr dem Akustiker, sondern direkt dem Hörgeschädigten überwiesen. Dieser kann dann den Wettbewerb spielen lassen und selber entscheiden, wie er den Pauschalbetrag von 840 Franken für die einseitige und 1680 Franken für die beidseitige Versorgung verwenden will. Pauschalen für Ersatzbatterien und für Reparaturen kommen noch hinzu. Nach Ablauf von sechs Jahren kann eine neue Pauschale gesprochen werden, sofern sich das Gehör verschlechtert hat. Bei Rentnern beträgt die Frist fünf Jahre. Wenig Freude an dieser neuen Entwicklung haben jene, die bisher von den grosszügigen Vergütungen der IV und der AHV profitieren konnten: Ohrenärzte, Akustiker, Hörgerätehersteller. «Für die Anmeldung eines Vergütungsanspruchs bei der AHV oder der IV ist nicht einmal mehr eine abschliessende Kontrolle bei einem Facharzt gefordert», bedauert eine Sprecherin von Amplifon, mit achtig Filialen die grösste Kette von Hörgerätefachgeschäften. Im Weiteren befürchtet sie eine Einbusse der Beratungsqualität. Wenn die Leute nicht bereit sind, für die Beratung zu bezahlen, werden die Akustiker nicht mehr bereit sein, eine professionelle Hörberatung durch ausgebildete Hörgeräteakustiker zu garantieren.

 

30 Millionen gespart

 

Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) schätzt, dass die IV mit dieser neuen Pauschalvergütung jährlich 30 Millionen Franken einsparen kann. Das ist happig, wenn man bedenkt, dass AHV und IV für Hörgeräte jährlich 100 Millionen Franken ausgeben.  

 

Ein Fallbeispiel

Roland Schuck
Roland Schuck

Von Roland Schuck war schon zu lesen: Er probierte bei einem Akustiker diverse Hörgeräte aus, wurde aber mit keinem so richtig warm. Kalt über den Rücken lief es dem 70-Jährigen beim Anblick der Offerte: 6369 Franken für zwei Hörgeräte plus 2145 Franken für die Dienstleistungspauschale, samt Mehrwertsteuer und Zusatzkosten ergibt das ein Total von 9315 Franken. Der pensionierte Garagier suchte darauf günstigere Alternativen und fand in einer Apotheke ein passendes Gerät. Kostenpunkt: 790 Franken für zwei Geräte – und dies ohne Dienstleistungspauschale (Ausgabe vom 18. November 2010).

 

Trotzdem hat Roland Schuck vom Akustiker eine Rechnung von 828 Franken erhalten für das Testen der verschiedenen Geräte. Die AHV weigert sich nun, diese Kosten zu vergüten, obwohl Roland Schuck von der IV eine schriftliche Kostengutsprache von 1626 Franken hatte und die IV auch wusste, dass Roland Schuck günstigere Geräte bei Amavita besorgt hatte. Hätte sich Roland Schuck beim Akustiker für das teurere Gerät entschieden, wäre ihm das Ganze günstiger gekommen. Dafür hätte die AHV mehr Geld ausgeben müssen. Dies galt bisher. Ab morgen Freitag werden Hörgeschädigte nicht mehr bestraft, wenn sie sich für ein günstigeres Gerät entscheiden.

Das sagt der Preisüberwacher

Der Preisüberwacher hat sich mittlerweile auch über die neue Pauschalvergütung für Hörmittel geäussert. Er zweifelt, «ob der Systemwechsel mit der Ausrichtung von Pauschalvergütungen an die Hörgeschädigten zielführend ist». Nach seinen Vergleichen sind die Preise für Hörgeräte teurer als im Ausland. Deshalb regt der Preisüberwacher an, «mit Blick auf positive internationale Erfahrungen mittelfristig eine staatliche Beschaffung in einem wettbewerblichen Ausschreibungsverfahren ins Auge zu fassen».

 

Erschienen in der BZ am 30. Juni 2011

 


Claude Chatelain