Die griechische Tragödie und ihre Folgen

Seit Wochen rangeln die EU-Finanzminister und der Währungsfonds um ein weiteres Hilfspaket für Griechenland. Nächste Woche dürfte die Entscheidung fallen, wie es mit Griechenland weitergeht.

1. Was passiert, wenn Griechenland das vorgesehene Hilfspaket von 12 Milliarden Euro verweigert wird?

Dann ist Griechenland mitte Juli pleite. Der Staat kann die Schuldzinsen nicht mehr zahlen. Die griechischen Staatspapiere würden massiv an Wert verlieren.

 

2. Warum weigern sich die EU-Staaten, das Geld zu überweisen?

Weil das griechische Parlament das 78 Milliarden Euro teure Sparpaket noch nicht abgesegnet hat. Zudem geht es noch um technische Modalitäten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) will seinen Anteil von einem Drittel nur beisteuern, wenn die Finanzierung auch für das kommende Jahr gesichert ist. Dies scheint derzeit noch nicht der Fall zu sein.

 

3. Wie würde sich der Staatsbankrott in Griechenland auswirken?

Die griechischen Banken stünden vor dem Konkurs, weil sie sich nicht mehr refinanzieren könnten. Das hätte eine Kettenreaktion zur Folge, der sich Unternehmen und private Sparer nicht entziehen könnten. Eine gleiche Kettenreaktion befürchtete die Schweiz beim drohenden Kollaps der UBS, weshalb Nationalbank und Eidgenossenschaft ein Rettungspaket schnürten. Der griechische Staat kann das Schweizer Modell nicht adaptieren, da er selber pleite ist.

 

4. Wer sind neben den Griechen die Leidtragenden, wenn die griechischen Staatspapiere an Wert verlieren?

Insbesondere die französischen und deutschen Banken (siehe Grafik). Bedroht sind auch die griechischen Finanzinstitute. Sie halten den grössten Teil der Staatsschulden.

 

5. Könnten die europäischen Banken den Wertverlust der griechischen Staatsanleihen verkraften?

Die eine oder andere Bank müsste womöglich erneut vom Staat gerettet werden. Das ist aber nicht das Hauptproblem: Die grösste Gefahr besteht in der Kettenreaktion: Lässt man Griechenland fallen, droht anderen EU-Staaten wie Portugal, Irland, Italien oder Spanien das gleiche Schicksal. Der Wert ihrer Staatspapiere würde massiv sinken. Und sie könnten neues Kapital nur zu horrend hohen Zinsen beschaffen, was den Staatshaushalt erst recht in Schieflage bringen würde.

 

6. Wie nachhaltig sind solche Rettungsübungen? Ein Fass ohne Boden?

Ein Fass ohne Boden wäre es, wenn die Griechen weiterhin über ihre Verhältnisse leben würden. Das Gegenteil ist der Fall. Die Kredite der EU und des IWF sind an strenge Auflagen geknüpft. Die griechische Regierung hat ein rigoroses Spar- und Privatisierungsprogramm zu absolvieren, was schliesslich die Griechen auf die Strasse treibt.

 

7. Wäre eine Umschuldung die Lösung, wie beim Brady-Plan? (Kasten)

Viele Experten sind der Meinung, dass früher oder später kein Weg an einer Umschuldung vorbeigeht. Eines der Probleme liegt aber darin, dass es nicht so einfach ist, den privaten Gläubigern die neuen Konditionen aufzuzwingen.

 

8. Wie weit wäre die Schweiz von einem Kollaps Griechenlands betroffen?

Der Euro könnte nach Einschätzung der Experten noch mehr an Wert verlieren. Damit wird der Franken zur Fluchtwährung, sein Wert steigt. Ein teurer Franken macht die Exportgüter und das Reisen in die Schweiz teurer.

 

9. Wie erklärt sich der Kurssturz des Euro, wenn doch die Wirtschaftsleistung Griechenlands nur 2,5 Prozent der gesamten EU ausmacht?

Mit den grossen Unsicherheiten auf den Finanzmärkten. Die Akteure an den Devisenmärkten wissen nicht, wie es mit dem Euro weitergeht. Finanzmärkte fürchten die Unsicherheit so sehr wie der Teufel das Weihwasser.

 

10. Wäre der Euro in Gefahr, wenn Griechenland zahlungsunfähig wird?

Darüber streiten sich die Gelehrten. «Wenn wir Griechenland pleitegehen lassen, wird der Euro verschwinden», schreibt der französische Volkswirtschaftsprofessor Jacques Attali in der «Herald Tribune».

 

11. Wäre es nicht besser für alle, Griechenland würde wieder die Drachme einführen?

Auch hier gehen die Meinungen auseinander. Für den Tübinger Volkswirtschaftsprofessor Joachim Starbatty wäre das die beste Lösung. «Träte Griechenland aus der Währungsunion aus und kehrte es zur Drachme zurück, könnte es seine Währung abwerten und seine internationale Konkurrenzfähigkeit zurückgewinnen», schreibt der Euroskeptiker im «St. Galler Tagblatt». Die fehlende inländische Nachfrage würde durch die steigende ausländische Nachfrage ersetzt – vor allem die Touristen brächten Geld ins Land. Nur so würde der Gang ins europäische Armenhaus vermieden.

 

12. Was spricht gegen die Wiedereinführung der Drachme?

Laut Thomas Straubhaar, Hamburger Professor mit Berner Wurzeln, «würden die griechischen Banken über Nacht pleitegehen, weil alle, die könnten, sich noch rasch ihre Euroguthaben ausbezahlen liessen». Der gleiche Run auf Banken würde sich in Portugal, Irland, vielleicht sogar in Spanien wiederholen. Spätestens dann würden laut Straubhaar auch Gläubiger in starken Euroländern mitgerissen. Sie wären nun ihrerseits nicht mehr in der Lage, ihre Verbindlichkeiten zu erfüllen.

 

 

So funktionierte der Brady-Plan

Im Zusammenhang mit der drohenden Insolvenz Griechenlands ist auch vom Brady-Plan die Rede. Manche vertreten die Meinung, man könnte mit einem solchen Plan auch die Griechenland-Krise bewältigen. Der Brady-Plan ist nichts anderes als eine Umschuldung, indem die Konditionen der Auslandsschulden neu definiert werden.

 

Nachdem in den 1980er-Jahren die lateinamerikanischen Länder ihre Auslandsschulden nicht mehr bedienen konnten, hatte der damalige US-Finanzminister Nicolas Brady einen Umschuldungsplan entworfen. Die maroden Staatsanleihen wurden mit Garantien der amerikanischen Notenbank versehen und handelbar gemacht. Bei jener Krise waren fast

Nicolas F. Brady
Nicolas F. Brady

nur amerikanische Banken involviert. Ihnen konnte Brady den Plan aufzwingen. Im Fall Griechenlands sind jedoch die Schulden auf viele Banken unterschiedlicher Länder verteilt. Auch bei privaten Gläubigern haben sich die Griechen verschuldet. Die Privaten kann man nicht zur Umschuldung zwingen. Dies ist eine der Knacknüsse, an welcher sich derzeit die Politiker die Zähne ausbeissen.

 

Erschienen in der BZ 23. Juni 2011


Claude Chatelain