Vierte Säule: Zum Frauenstreiktag

Grüne Politikerinnen werben für die Frauen und für ihre Partei.
Grüne Politikerinnen werben für die Frauen und für ihre Partei.

Heute ist Frauenstreiktag. 100 000 Männer und Frauen werden für die Gleichstellung auf der Strasse erwartet. Wir nehmen diese Gelegenheit wahr und brechen für einmal eine Lanze für den Mann; den gebeutelten Mann. 

Dass der Mann die AHV-Rente erst mit 65, die Frau dagegen schon mit 64 Jahren erhält, irritiert nicht nur Männer, sondern auch die jungen, modernen Frauen. Das ist hinlänglich bekannt. Ob sie heute wohl deswegen auf die Strasse gehen? Weniger bekannt dürfte sein, dass auch Witwen gegenüber Witwern deutlich bessergestellt sind. Nehmen wir eine Frau, die schon in jungen Jahren, zum Beispiel mit Alter 22, ein Kind auf die Welt bringt. In ihrem 46. Altersjahr stirbt ihr Mann; das Kind ist mit 24 Jahren erwachsen und auch schon ausgezogen. Obschon die Frau längst einer 100-prozentigen Erwerbstätigkeit nachgeht, wird sie von der AHV wie auch von der Pensionskasse bis zur Pensionierung eine Witwenrente erhalten.

 

Würde jedoch die Frau und nicht der Mann sterben, so erhielte der Mann nichts, was auch richtig ist. Die maximale Witwenrente aus der 1. Säule beträgt 1856 Franken pro Monat. Was die Frau von der beruflichen Vorsorge erhält, hängt vom Reglement der jeweiligen Pensionskasse ab.

 

Selbst eine geschiedene Witwe kommt in den Genuss einer Witwenrente, sofern sie beim Tod ihres Ex über 45-jährig ist und die geschiedene Ehe mindestens zehn Jahre gedauert hat. Die geschiedene Witwe erhält auch dann eine Witwenrente von der AHV, wenn sie mit ihrem Ex keine Kinder hatte und das Pensionskassenvermögen bei der Scheidung geteilt wurde.

 

Von solchen Bedingungen können geschiedene Männer nur träumen. Sollte man nun die Bedingungen der Witwer nach oben anpassen? Ganz uneigennützig sage ich Nein. Besser ist, die Leistungen für geschiedene und andere Witwen zu korrigieren. Der frühere Nestlé-Chef Helmut Maucher pflegte zu sagen: «Ein soziales Netz ist gut. Eine soziale Hängematte ist hingegen schädlich.»

 

Erschienen in der BZ am 14. Juni 2011

Claude Chatelain