Auch die Kleinbanken büssen für die Sünden der Grossbanken

Die Regionalbanken haben die Finanzmarktkrise in keiner Weise mitverursacht - und doch bezahlen sie nun die Zeche dafür. Sie müssen strengere Eigenmittelvorschriften erfüllen und eine Regulierungsflut über sich ergehen lassen.

Ist von den strengeren Eigenmittelvorschriften zu lesen, so im Zusammenhang mit der Grossbankenregulierung «Too big zu fail», die nächstens vom Ständerat behandelt wird. Aber auch die kleinen Bankinstitute müssen als Folge der Finanzmarktkrise ihre Eigenmitteldecke verstärken. Heute gilt international das Regelwerk von Basel II. Da dieses nicht ausreicht, wie die zurückliegende Bankenkrise gezeigt hat, wird es durch Basel III abgelöst. Und die Finanzmarktaufsicht der Schweiz, die Finma, wird das Regelwerk auf die Schweiz adoptieren und Regeln verordnen, die über die internationalen Mindestanforderungen hinausgehen.

 

Eigenmitteldeckungsgrad

 

Laut geltender Finma-Regelung muss der Eigenmitteldeckungsgrad einer Regionalbank mindestens 120 Prozent betragen. Nun verlangt die Finma, dass diese Kennziffer neu auf 150 Prozent erhöht wird. Die Regionalbanken haben bis 2016 Zeit, um die neue Bedingung zu erfüllen. Der Eigenmitteldeckungsgrad ergibt sich aus den anrechenbaren im Verhältnis zu den erforderlichen Eigenmitteln.

 

Die Regionalbanken im Kanton Bern brauchen sich darüber keine Sorgen zu machen. Sie erfüllen diese Bedingung schon heute – und dies zum Teil recht deutlich. Das gilt insbesondere für die genossenschaftlich organisierten Stadtberner Bank EEK und AEK-Bank 1826 in Thun mit einem Eigenmitteldeckungsgrad von 423 respektive 285 Prozent.

 

Ausnahme Valiant

 

Einzig die Valiant-Bank sitzt auf einer nicht allzu dicken Kapitaldecke. Der per Ende 2010 ausgewiesene Eigenmitteldeckungsgrad von 139 Prozent liegt nur unwesentlich über den geforderten 120 Prozent. Dies ist eine Folge der umstrittenen Aktienrückkaufprogramme, mit welchen während der Finanzkrise Eigenkapital vernichtet wurde. Die Valiant hat jedoch wiederholt erklärt, dass man die verschärften Eigenmittelvorschriften trotz des Rückkaufs der eigenen Aktien werde erfüllen können. Mehr Sorge als die strengeren Eigenmittelvorschriften bereitet den Regionalbanken die Regulierungsflut. «Die Finma nimmt die Aufsichtstätigkeit intensiver wahr als vor der Finanzkrise», erklärt Daniel Pfanner, Direktor der Bank EEK. Daraus resultiere ein zusätzlicher Aufwand. Davon seien die kleinen Banken überproportional betroffen. Diese Regulierungsflut ist eine Folge der Finanzmarktkrise, obschon das Debakel in keiner Art und Weise von den kleinen Instituten verursacht wurde. Die Aufsichtsbehörden mussten sich den Vorwurf gefallen lassen, vor der Krise zu ungenau hingeschaut zu haben. Dies wollen sie nun korrigieren.

 

Cost-Income-Ratio

 

Das bestätigt auch Fritz Ruprecht von Helveticstar, einer der profundesten Kenner von Gesellschaften, deren Aktien ausserbörslich gehandelt werden. Für ihn ist die Cost-Income-Ratio eine der wichtigsten Kennziffern. Früher wiesen die meisten Regionalbanken ein Kosten-Ertrags-Verhältnis von 50 Prozent aus. Der Ertrag war also doppelt so hoch wie der Aufwand. «Die Cost-Income-Ratio steigt von Jahr zu Jahr», erklärt Ruprecht. Die Spar und Leihkassen in Frutigen und Münsingen oder auch die Regiobank Solothurn wiesen 2008 ein Kosten-Ertrags-Verhältnis von unter 50 Prozent aus. Ende 2010 lag der Wert zwischen 53 und 56 Prozent.

 

Teure Informatik

 

Vor allem die Informatik sorgt für höhere Kosten, weil ein grosser Teil der Regionalbanken derzeit den IT-Bereich aufrüstet. Bei der Clientis-Bernerland-Bank beträgt das Cost-Income-Ratio sogar 68 Prozent. «Ab 70 Prozent wird es kritisch», warnt Ruprecht. Es sei denn, der hohe Kostensatz sei auf einmalige Investitionen zurückzuführen. Wenn nun die Finma immer neue Auflagen macht und zusätzliches Datenmaterial verlangt, wird der Aufwand zusätzlich erhöht. Dies ist laut Ruprecht insbesondere in der heutigen Zeit fatal, in welcher die extrem tiefen Zinsen bereits einen sehr starken Druck auf die Margen ausübten.

 

«Stabile Kundschaft»

 

Trotz dieser unfreundlichen Rahmenbedingungen stellt Ruprecht den Regionalbanken ein gutes Zeugnis aus. Er verweist auf die Ausleihungen, wo die meisten Banken 2010 ein beachtliches Wachstum zu erzielen vermochten. «Die Regionalbanken sind gut verankert, haben ein durchschaubares Geschäftsmodell und eine stabile Kundschaft», sagt Ruprecht. Doch mit dem zunehmenden Kostendruck, der eben auch durch die Aufsichtsbehörde verursacht werde, seien die Regionalbanken zum Wachstum verurteilt.

 

 

INFOTHEK

Deckungsgrad: Verhältnis der Kundengelder zu den Ausleihungen. Diese Zahl besagt, wieweit eine Bank die ausgegebenen Kredite mit Spargeldern zu finanzieren vermag.

 

Eigenmitteldeckungsgrad: Das Verhältnis der anrechenbaren zu den erforderlichen Eigenmitteln. Die Finma verlangt von den Regionalbanken einen Eigenmitteldeckungsgrad von 120 Prozent. Leverage Ratio Das Verhältnis der ausgewiesenen Eigenmittel zur Bilanzsumme. Je höher diese Kennzahl, desto dicker ist die Eigenkapitaldecke.

 

Cost-Income-Ratio: Setzt die Kosten ins Verhältnis zum Ertrag. Diese Kennziffer ist bei Regionalbanken in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen und hat damit die finanzielle Situation verschlechtert.

 

Bruttogewinn: Vergleichbar mit dem operativen Gewinn eines Industriebetriebs. Der Bruttogewinn sagt mehr aus als der Jahresgewinn.

 

Erschienen in der BZ am 3. Juni 2011


Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Claude Chatelain