Vierte Säule: Von der IV-Rentnerin, die keine Rente will

Da hören wir doch laufend von IV-Betrügern, von Scheininvaliden und Simulanten – und nun beklagt sich eine Frau aus Wasen, dass man ihr den IV-Grad von 50 auf 70 Prozent erhöht habe.

«Das lasse ich mir nicht bieten», schreibt die erboste Emmentalerin der IV-Stelle Bern. «Ich will keine 100- oder 70-Prozent-Rente, ich habe ein Rückenleiden und bin zu 50 Prozent eingeschränkt.» Und weiter: «Was soll diese freche Unterstellung, ich sei paranoid? Ich denke, das ist die Psychiaterin selber. Ich hab noch nie einen Psychiater benötigt, und ich hab mir noch nie etwas zuschulden kommen lassen.» Das mag sich amüsant anhören. Doch offenbar will die Frau nicht als psychisch krank abgestempelt und schon gar nicht in die Psychi gesteckt werden, wie den Unterlagen zu entnehmen ist, die mir die Frau zukommen liess. Lieber verzichtet sie auf die Erhöhung ihrer Rente.

 

Diese Geschichte erzähle ich vor dem Hintergrund der laufenden IV-Revision. Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) will 17 000 IV-Rentnerinnen und IV-Renter in den Arbeitsmarkt integrieren und ihnen die Rente streichen oder kürzen. Noch bevor das BSV die Arbeit aufgenommen hat, wurde verschiedentlich der Vorwurf erhoben, das BSV würde mit brutaler Härte vorgehen und unter dem Kostendruck die IV-Rentner in die Sozialhilfe abschieben.

Zumindest in diesem Beispiel ist das Gegenteil der Fall.

 

Erschienen in der BZ am 31. Mai 2011

Claude Chatelain