Vierte Säule: Die Aktionäre haben den Verwaltungsrat, den sie verdienen

Kurt Streit: "Valiant - c'est moi".
Kurt Streit: "Valiant - c'est moi".

Nicht wenige Leute sagen mir, Kurt Streit müsste zurücktreten. Er ist seit Jahren der starke Mann der Valiant-Gruppe. «Valiant, c'est moi», hat er zumindest in meiner Anwesenheit zwar nie gesagt. In seinem Fall wäre diese Aussage freilich nicht überheblich.

 

Kurt Streit hat das unglückliche Aktienrückkaufsprogramm zu verantworten. Er hat das Optionsprogramm zu verantworten, das ihn und seine engsten Mitstreiter zu Multimillionären machte. Er hat die Kurspflege zu verantworten, die die Aktie zu teuer machte. Und so muss er schliesslich auch für das Kursdebakel hinstehen. Die Valiant-Aktie ist seit Oktober um 40 Prozent gefallen.

Bis Freitag war ich auch der Meinung, der VR-Präsident müsste eigentlich die Konsequenzen ziehen. Doch dann war ich in Luzern an der GV und konnte die fröhliche Schar der Aktionärinnen und Aktionäre beobachten. Nur gerade drei Personen liessen ihrem Unmut freien Lauf, wobei sie das immer anständig und sachlich taten. Als ein älterer und zweifellos sachkundiger Mann zum zweiten Mal ans Rednerpult schritt, wurde er sogar ausgepfiffen. Jene Votanten, welche der Valiant-Spitze ein Kränzchen windeten, wurden ebenso höflich beklatscht. Statt Verwaltungsrat und Konzernleitung bei der Erteilung der Decharge einen Denkzettel zu verpassen, erhielten sie mit über 90 Prozent Zustimmung die Absolution. Und alle Verwaltungsräte wurden mit Werten wiedergewählt, die selbst einem kommunistischen Regime zur Zierde gereichten.

 

Kritisch gegenüber den Verantwortlichen sind vor allem Journalisten und andere Beobachter. Doch wer hat sich über die Schwindsucht der Valiant-Aktie zu beklagen? Allein die Aktionäre und Aktionärinnen. Wie ich eben geschildert habe, scheinen sich diese über Valiant überhaupt nicht zu grämen. Froh gelaunt schritten sie am Freitagabend in der Messe Luzern nach dem offiziellen Teil ans Buffet. Die Aktionäre haben den Verwaltungsrat, den sie verdienen.

 

Erschienen in der BZ am 24. Mai 2011

 

Claude Chatelain