Für Bern sind Mischehen schädlich

Wenn schon eine Krankenkassen-Hochzeit, so sollte sie unter Bernern stattfinden. Die sechs Krankenversicherer im Kanton beschäftigen über 1200 Leute und zahlen über 17 Millionen Franken Steuern.

Hätten die Zürcher Sanitas mit der kleineren KPT aus Bern fusionieren können, wären die rund 250 Arbeitsplätze der KPT zu einem späteren Zeitpunkt nach Zürich verlegt worden. Das wurde zwar bei der Ankündigung der Fusion von den Verantwortlichen bestritten. Doch die Erfahrung zeigt, dass fusionierte Dienstleistungsunternehmen früher oder später ihre Aktivität an einem einzigen Standort konzentrieren.

 

Arbeitsplätze in Bern

 

Die Finanzmarktaufsicht Finma hat die faktische Übernahme der KPT gerade noch vereitelt. Damit bleiben die Arbeitsplätze der ehemaligen Beamtenkasse in Bern. Doch der Konsolidierungsprozess bei den Krankenkassen dürfte anhalten. So ist damit zu rechnen, dass ein anderer ausserkantonaler Krankenversicherer die Fühler nach einer Berner Kasse ausstrecken wird, zumal insbesondere die mittelgrossen KPT und Atupri mit Reservenquoten von 12,6 und 11,1 Prozent gut finanziert sind. Die kleinere Innova hat sogar eine Reservenquote von 26,7 Prozent. Aber auch bei der Visana ist eine Fusion mit einer ausserkantonalen Kasse nicht ausgeschlossen, wie VR-Präsident Albrecht Rychen erklärt. Mit einer Reserven-quote von 18,9 Prozent ist der grösste Berner Krankenversicherer überdurchschnittlich solide finanziert.

 

«Bern würde gestärkt»

 

Wenn schon eine Fusion, dann sollten sich wenigstens die Berner zusammenschliessen. Im «Bund» vom 27. Januar 2011 erklärte Visana-Sprecher Christian Beusch: «Die Arbeitsplätze würden im Kanton Bern erhalten, es gäbe viele Synergien, und der Wirtschaftsstandort Bern würde gestärkt.» Auch der Berner Gesundheitsökonom Heinz Locher bevorzugt eine Berner Lösung, ist allerdings skeptisch, ob eine solche zustande kommt. Bei Atupri und Innova heisst es offiziell, dass keine Fusionsgespräche stattfänden und dass dazu auch keine Not bestünde. Das wird auch von inoffiziellen Quellen bestätigt und lässt sich leicht erklären. Die Direktoren sind lieber Chef eines kleinen, unabhängigen Krankenversicherers als Juniorpartner einer grossen Kasse. Deshalb sind sie ohne Not an Zusammenschlüssen nicht interessiert.

 

KPT mit angezogener Bremse

 

Die KPT kann derzeit auch keine grossen Stricke zerreissen. Die Finma trifft Abklärungen, wie weit die KPT-Führung gegen das Versicherungsaufsichtsrecht verstossen hat. Bis zum endgültigen Entscheid der Aufsichtsbehörde sind von der KPT keine strategischen Weichenstellungen zu erwarten (Ausgabe vom 30. April 2011).

 

Visana führt Gespräche

 

Aufgrund dieser Ausgangslage scheint die Visana auch ausserhalb der Kantonsgrenzen nach Kooperations- oder sogar Fusionspartnern zu suchen. Die «Handelszeitung» schrieb, dass der Branchenprimus Helsana an der Visana interessiert sei. Und Visana-Präsident Albrecht Rychen sagte vielsagend: «Wir führen immer wieder Gespräche, aber derzeit keine Verhandlungen.» Doch eine Berner Lösung sei derzeit nicht im Fokus. Und: «Eine Kooperation oder eine Fusion ist nicht ausgeschlossen.»

 

Über 1200 Beschäftigte

 

Die vier Krankenversicherer in Bern und Umgebung beschäftigen im Kanton Bern über 1200 Leute und zahlen über 17 Millionen Franken Kantons- und Gemeindesteuern. Aus standortpolitischer Warte kann kein Interesse bestehen, dass eine der sechs Kassen durch einen grösseren, ausserkantonalen Krankenversicherer geschluckt wird. Auch wenn es bei der Fusionsankündigung heissen sollte, es würden keine Arbeitsplätze verschoben. Solche Versprechen werden immer wieder abgegeben, aber nur selten eingehalten.

 

Erschienen in der BZ am 16. Mai 2011

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Claude Chatelain