Vierte Säule: Sind die Kinder die grössten Abzocker?

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer sind die grössten Abzocker im Land? 99 Prozent würden die Frage etwa so beantworten: die Manager, die kein unternehmerisches Risiko tragen und trotzdem millionenhohe Boni beziehen.

Nicht so jedoch Urs. P. Gasche und Hanspeter Guggenbühl. Für die Autoren des Buchs «Schluss mit dem Wachstumswahn» sind die grössten Abzocker die Kinder: 178 000 Nachkommen von Millionären oder 2,4 Prozent der Bevölkerung würden in den nächsten 30 Jahren zusammen 969 Milliarden Franken erben. Pro Jahr ergebe das eine Erbsumme von 32 Milliarden, im Schnitt 5,4 Millionen Franken pro Kind. Die beiden Autoren stützen sich auf Berechnungen von Hans Kissling, ehemaliger oberster Statistiker des Kantons Zürich und Verfasser des Buchs «Reichtum ohne Leistung».

 

Während die Abzocker unter der Managergilde zumindest einen Teil ihrer Boni versteuern müssen, ist die Erbschaft an direkte Nachkommen in vielen Kantonen steuerfrei, so auch im Kanton Bern. Angesichts der genannten Beträge darf man wirklich erstaunt sein, weshalb die Erbschaftssteuer hierzulande derart unpopulär ist und in diversen Kantonen abgeschafft oder gelockert wurde. Mittlerweile ist wieder eine Initiative für die Einführung einer bundesweiten Erbschaftssteuer in Vorbereitung. Zwei Drittel der Einnahmen sollen zweckgebunden in die AHV fliessen; ein Drittel geht an die Kantone, um sie für ihren Verzicht auf die Erbschaftssteuer zu entschädigen. Eigentlich möchte man meinen, die AHV brauche den Geldsegen zum Stopfen der drohenden Finanzierungslücke. Doch die Initianten liebäugeln stattdessen mit einem Ausbau der Leistungen. Die SP möchte Frühpensionierungen sozial abfedern. Und die EVP will die «Ehestrafe» abschaffen, sodass bei Rentnerehepaaren die beiden Renten nicht mehr auf 150 Prozent plafoniert werden. Am meisten Chancen hätte wohl der Vorschlag, die durch die neue Steuer erhobenen Einnahmen würden zur steuerlichen Entlastung des Mittelstands verwendet. Davon ist leider (noch) nirgends die Rede.

 

Erschienen in der BZ am 3. Mai 2011

Claude Chatelain