Für einmal sinken die Prämien

Schleudertraumata berechtigen kaum mehr zu einer IV-Rente.
Schleudertraumata berechtigen kaum mehr zu einer IV-Rente.

Die Prämien für Erwerbsunfähigkeitsversicherungen sind innert drei Jahren zum Teil um über 30 Prozent gesunken. Zu verdanken ist dies der abnehmenden Zahl von neuen IV-Rentnern.

 

Die IV verzeichnet Jahr für Jahr weniger neue Rentner. Und bei der Suva war 2010 die Zahl der neu gesprochenen Invalidenrenten so tief wie seit 1984 nicht mehr. Damit werden nicht nur die Rechnungen der IV und der Suva entlastet; auch die Privatversicherer profitieren von diesem Trend. So sind die Prämien für Erwerbsunfähigkeitsversicherungen in den vergangenen drei Jahren deutlich gesunken, bei der Vaudoise beispielsweise um über 40 Prozent.

Eine Rente bei Erwerbsunfähigkeit versichern vor allem Selbstständigerwerbende und solche, welche in der 2. Säule nicht oder ungenügend versichert sind. Seit Anfang Jahrhundert hatte dieser Versicherungstyp an Attraktivität eingebüsst. Das zeigte sich an drei Fronten:

- Anhaltende Verteuerung der Prämien;

- Abschaffung der Prämiengarantie, sodass die Versicherer während der Laufzeit die Prämien erhöhen können;

- Einführung von Risikoklassen aufgrund der beruflichen Tätigkeit, was gerade für jene einer massiven Verteuerung gleichkommt, die die Versicherung am nötigsten haben, nämlich Berufsleute mit höheren Erwerbsausfallrisiken.

 

Schleudertrauma

 

Die anhaltende Prämiensteigerung und die Abschaffung der Prämiengarantie begründeten die Versicherer mit den angestiegenen Fällen von Schleudertraumata. Verstaucht sich ein 30-Jähriger die Halswirbelsäule (HWS), kann das die Versicherung weit über eine Million Franken an Rentenzahlungen kosten. Das hatten die Versicherer vor vier und mehr Jahren immer wieder betont. Doch mittlerweile haben die Gerichte die Schraube angezogen: HWS-Geschädigte kommen nur noch in seltenen Fällen in den Genuss einer Rente, was letztlich ebenfalls zu den eingangs genannten Rückgängen von IV-Neurentnern beigetragen hat. Und siehe da: Wer sich gegen eine Erwerbsunfähigkeit versichern will, kann dies heute zu deutlich günstigeren Konditionen tun als noch vor drei Jahren.

 

Je nach Ausbildung

 

Die Prämienreduktion ist jedoch nicht allein auf den Rückgang von IV-Rentnern zurückzuführen. «Wir haben festgestellt, dass der Erfolg der Wiedereingliederung sehr stark vom Ausbildungsgrad abhängig ist», sagt Rudolf Schnider von der Mobiliar. Die Mobi hat also nicht bloss unterschiedliche Tarife für ihre fünf Berufsklassen, sondern berücksichtigt zusätzlich ebenfalls den schulischen Rucksack. Ein Bauer stellt bei der Mobiliar ein hohes Berufsrisiko dar. Er ist somit in einer entsprechend hohen Prämienklasse eingeteilt. Hat nun ein Landwirt den Titel eines Ingenieur Agronom, wird er eine tiefere Prämie zahlen als der Bauer ohne dieses Diplom. Der unten stehende Prämienvergleich gilt nur für kaufmännische Angestellte mit Alter 40. Für Leute ohne Berufslehre wird der Prämienrückgang weniger deutlich ausfallen. Bei ihnen ist die Erfolgschance einer Wiedereingliederung weniger gross.

 

Prämienwildwuchs

Insgesamt wird der protestantische Pfarrer eine tiefere Prämie bezahlen müssen als der kaufmännische Angestellte; der Plattenleger jedoch eine höhere. Und wenn der kaufmännische Angestellte bei der Zürich weniger bezahlt als bei der Basler, so kann das bei anderen Berufsgattungen gerade umgekehrt sein. Deshalb gilt erst recht: mehrere Offerten einholen.

 

INFOTHEK

Versicherungen gegen Erwerbsunfähigkeit kommen nicht einheitlich daher. Was man wissen muss:

 

Berufsklassen: Die Höhe der Prämie ist nicht nur vom Alter und der versicherten Rente, sondern ebenfalls vom Beruf abhängig. Die Versicherer haben diverse Berufsklassen, einige mehr, andere weniger.

 

Bruttoprämie: Gewisse Versicherer stellen eine tiefere Nettoprämie in Aussicht, die je nach Schadenverlauf höher oder tiefer ausfallen kann.

 

Prämienbefreiung: Beim unten stehenden Vergleich ist die Prämienbefreiung mitversichert. Das heisst, dass im Schadenfall der Versicherer von der Prämienzahlung befreit ist.

 

Prämiengarantie: Früher war die Höhe der Bruttoprämie für die ganze Vertragsdauer garantiert. Diese Garantie haben die Versicherer in den vergangenen Jahren abgeschafft.

 

Raucher: Raucher zahlen bei gewissen Versicherern höhere Prämien. Nationale Suisse macht nur bei der Nettoprämie einen Unterschied zwischen Rauchern und Nichtrauchern.

 

Summen- oder Schadenversicherung: Bei der Summenversicherung hat man Gewähr, dass die versicherte Rente bei Invalidität auch wirklich bezahlt wird. Bei der Schadenversicherung wird nur der Erwerbsausfall entschädigt. Ist dieser tiefer als die versicherte Rente, so wird die Rente gekürzt.

 

Überschüsse: Allianz, Basler, Helvetia, Nationale Suisse und Zürich bieten Überschüsse an. Das heisst, man zahlt nicht die vertraglich vereinbarte Bruttoprämie, sondern eine um den Überschuss tiefere Nettoprämie. Die Höhe des Überschusses ist abhängig vom Schadenverlauf, kann also laufend ohne Vertragsänderung angepasst oder gestrichen werden.

 

Wartefrist: Je länger die Wartefrist, desto tiefer die Prämie. Häufig wird eine Wartefrist von zwei Jahren eingeräumt, denn so lange läuft in der Regel die Krankentaggeld-Versicherung.

Zahldauer: Bei einer 25-jährigen Vertragsdauer und einer Wartefrist von 2 Jahren beträgt die maximale Zahldauer 23 Jahre. Bei gewissen Versicherern liegt die Zahldauer darunter. Bei der Zürich zum Beispiel beträgt sie bloss 20 Jahre.

 

Erschienen in der BZ am 26. April 2011


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Claude Chatelain