Versicherer freuen sich auf höhere Zinsen

Die Europäische Zentralbank hat vergangene Woche die Leitzinsen erhöht und damit die Zinswende eingeläutet. Der Zinsschritt ist erwartet worden und war damit in den Obligationenkursen bereits einkalkuliert.

Wenn die Zinsen steigen, werden zumindest die Lebensversicherer nicht unglücklich sein: Viele ihrer Produkte sind gerade wegen der tiefen Zinsen völlig unattraktiv. Zu denken sei etwa an die Einmalprämienversicherung: Bei diesem Typ zahlt man der Versicherung auf einen Schlag eine Prämie und erhält dann bei Ablauf nach x Jahren das Kapital zurückbezahlt. Das einzig Interessante an diesem Vehikel ist die Steuerbefreiung: Der Zinsertrag ist nämlich bei diesen Produkten von der Einkommenssteuer befreit. Doch eine Steuerbefreiung auf mickrigen Zinserträgen bringt nichts.

 

Freude an höheren Zinsen haben jene Anleger, die sich über den Anlagenotstand beklagten. Für sie können Obligationen oder gar Kassenobligationen wieder interessant werden. Keine Freude haben Inhaber von Obligationen. Bei steigenden Zinsen sinken die Kurse ihrer Papiere. Warum? Weil neue Obligationen mit einem höheren Zinssatz auf den Markt kommen. Allerdings braucht man sich über den Buchverlust nicht zu grämen, sofern man die Papiere bis zum Verfall im Depot lässt.

 

Wer schliesslich eine Festhypothek abgeschlossen hat, wie das Tausende getan haben, kann dem drohenden Zinsanstieg getrost zuschauen und sich zurücklehnen. Bis Ablauf der Hypothek bleibt der Zins unverändert.

 

Volatilität auf tiefem Niveau

 

Nicht nur das tiefe Zinsniveau machte den Versicherern zu schaffen, auch die Volatilität. Stefan Mächler, Leiter Vermögensverwaltung bei der Mobiliar, erzählte an der Bilanzmedienkonferenz vom Freitag folgendes Beispiel: Kaufte man Anfang 2010 eine zehnjährige Bundesobligation für 100 000 Franken, so erzielte man bis Mitte Jahr einen Buchgewinn von 9000 Franken oder 9 Prozent. Ende Jahr war dieser Gewinn wieder weg und der Kurs der Bundesobligation etwa so hoch wie Anfang Jahr (siehe Grafik). Gerade die Versicherungsgesellschaften leiden unter solchen Schwankungen. Den grössten Teil ihrer Finanzanlagen legen sie in Obligationen an.

 

 

Das sagen Versicherungsvertreter zu den Zinsen

Michel Hosmann, Generalagent Swiss Life Bern-Ost

Seit letztem Herbst steigen die Zinsen. So kletterte die Rendite einer Obligation der Eidgenossenschaft mit zehn Jahren Laufzeit zwischen August 2010 und heute von 1,13 auf rund 1,80 Prozent. Gemäss unseren Research-Spezialisten von Swiss Life Asset Management zeigt diese Entwicklung, dass die Zuversicht zum Wachstum der Weltwirtschaft zuletzt zunahm. Unser Konjunkturszenario spricht an sich für weiter steigende Zinsen bis Ende Jahr. Die Finanzmärkte schauen aber nicht nur auf den aktuellen Lauf der Wirtschaft. Andere Themen beherrschen heute die Überlegungen, so etwa die Umwälzungen in Nahost und das Erdbeben in Japan mit seinen Folgen. Beide Ereignisse bergen das Risiko höherer Preise für Öl und Gas, was den Ausblick zum Wachstum der Wirtschaft trübt. Das verhindert vorerst einen weiteren Anstieg der Renditen auf Obligationen guter Schuldner und lässt es unwahrscheinlich erscheinen, dass die Notenbanken die Geldpolitik rasch straffen werden.

 

Bruno Boschung, Generalagent Baloise und Bank Soba, Bern

Trotz insgesamt soliden Wirtschaftsdaten in unserem Land ist vorerst nicht davon auszugehen, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihre expansive Geldpolitik anpasst. Diese Haltung hat die Notenbank an der geldpolitischen Lagebeurteilung vom 17. März 2011 bekräftigt, und seither haben sich insbesondere in Bezug auf die Frankenstärke keine wesentlichen Veränderungen ergeben. Umfragen bei Industrieunternehmen weisen auf teilweise substanzielle Margen-einbussen im Exportsektor hin; solange die mittelfristigen Inflationsrisiken moderat bleiben, dürfte die SNB wenig Anreiz haben, die Zinsen im Gleichschritt mit der Europäischen Zentralbank (EZB) zu erhöhen. Nachdem diese vergangene Woche die Zinsen um 25 Basispunkte angehoben hat, wird zumindest die Reaktion im Eurokurs gegenüber dem Schweizer Franken hinsichtlich der SNB-Zinspolitik von grossem Interesse sein, obschon ein solches Ergebnis bereits grösstenteils im Markt eingepreist ist.


Anlagestrategie, Risikofähigkeit und regulatorische Einschränkungen bestimmen unser Verhalten am Kapitalmarkt. Wir gehen von leicht steigenden Zinsen aus. Wegen der grossen Zinsdifferenz zum Geldmarkt liegt unser Anteil an Obligationen bei 60 Prozent. Die durchschnittlichen Laufzeiten betragen über fünf Jahre und sind kürzer als unsere versicherungstechnischen Verpflichtungen. Wichtiger als Rendite ist für uns die Sicherheit der Obligationenschuldner. Wir bevorzugen Schweizer Qualitätspapiere und als Diversifikation Schwellenländer- und Unternehmensanleihen. Mit Ausnahme der Schweiz meiden wir Staatsanleihen. Die Notenbanken haben mit Ausnahme der USA die expansive Geldpolitik durch die Erhöhung der Leitzinsen oder die Liquiditätsabschöpfung beendet. Das tiefe Zinsniveau, die hohe Kreditschöpfung und der starke Schweizer Franken bedeuten für die Schweizerische Nationalbank zusätzliche Herausforderungen.

Patrick Hofmann, Generalagent Axa Winterthur, Bern

Die Zinsen dürften in den nächsten Jahren leicht ansteigen, und der zehnjährige «Eidgenosse» dürfte in zwei Jahren wieder gegen 3 Prozent erreichen. Wir rechnen mit diesem Anstieg, weil wir das wirtschaftliche Umfeld derzeit als positiv werten. In einer solchen Phase können die Zentralbanken mit leichten Zinserhöhungen – wie es die Europäische Zentralbank letzte Woche getan hat – die Inflationserwartungen auf einem akzeptablen Niveau halten.

Wir glauben zwar nicht, dass die heimische Inflation zu einem Problem werden wird, doch muss die Nationalbank auch äussere Einflüsse – wie etwa die steigenden Rohstoffpreise – berücksichtigen.


Peter Kofmehl, Generalagent Allianz Suisse, Bern

Trotz des starken Schweizer Frankens wächst die Schweizer Wirtschaft laut Prognosen um 2 Prozent. Sollte diese Entwicklung zu ungewollter Inflation führen, werden die Europäische Zentralbank (EZB) und die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Zinsen erhöhen. Zinssätze von Obligationen mit Laufzeiten von über zehn Jahren sind von diesen Massnahmen allerdings nicht direkt betroffen. Bei den langen Laufzeiten wird der Zinsanstieg moderater ausfallen. Dies ist insbesondere für Lebensversicherer von Interesse, da sie lange Laufzeiten nachfragen, um Zinsversprechen gegenüber ihren Kunden einzuhalten. Dabei handelt es sich unter anderem um Policen aus den 90er-Jahren, mit technischen Zinssätzen von 5 Prozent und mehr. Auch der Schweizer Solvenztest (SST) der Finma verlangt, dass Anlagen und Verpflichtungen ähnliche Laufzeiten haben sollten – sonst wird es teuer: Bei Abweichungen muss mehr Eigenkapital hinterlegt werden. Tiefe Zinsen bei Obligationen zwingen Versicherer, nach Anlagealternativen zu suchen. Ein altes Rezept bewährt sich auch jetzt: Diversifikation.


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Claude Chatelain