Vierte Säule: Über den frühzeitigen Altersrücktritt der Bauleute

Für Bauarbeiter gibt es in der Schweiz eine gute Lösung für vorzeitige Pensionierungen.
Für Bauarbeiter gibt es in der Schweiz eine gute Lösung für vorzeitige Pensionierungen.

Was haben doch Bauarbeiter für einen harten Job. Das denke ich mir, wenn das Tram an kalten und regnerischen Tagen an einer Baustelle vorbeifährt. Die Bauarbeiter haben schon bald ihre erste Pause. Und ich habe noch nicht mal den Computer eingeschaltet. Vielleicht bin ich besonders empfänglich für solche Gedanken, weil ich mein erstes Sackgeld auf einer Baustelle verdiente.

 

In Ittigen war der Kappelisacker damals noch nicht verbaut. Ich war also einer von denen, die zu der nicht gerade flauschigen Überbauung beigetragen haben, wenn auch ganz bescheiden mit Wischen und Bretterschleppen. Schon in der ersten Pause war ich todmüde. Dabei war es erst neun Uhr in der Früh.

 

Bei einem dieser Gebäude im Kappelisacker war auch meine Hand im Spiel.
Bei einem dieser Gebäude im Kappelisacker war auch meine Hand im Spiel.

Würde ich heute noch mit Alter 58 auf dem Bau arbeiten, wäre ich kaum Mitglied der SP. Sie täte nämlich nichts für mich. Sie kämpft zwar verbissen für eine soziale Abfederung in der AHV. Das nützte mir aber wenig. Das nützt Leuten mit tiefem Einkommen, die eine vorzeitige Pensionierung unter Umständen gar nicht nötig hätten, etwa teilzeitbeschäftigte Frauen betuchter Ehemänner. Wenn ich aber bei jeder Witterung den Rücken schinden müsste, während Beamte, Journalisten und Gewerkschaftsbosse im bequemen Tram ins Büro fahren, so würde ich mir wohl die Frage stellen, weshalb ich mich nicht vorzeitig pensionieren lassen könne. Nun, genau diese Frage brauchen sich Bauarbeiter heute nicht mehr zu stellen. Sie können sich mit Alter 60 zu anständigen Bedingungen pensionieren lassen. Zu verdanken ist dies dem einzigartigen Modell FAR, frühzeitiger Altersrücktritt. Baumeister und Gewerkschaften hatten jahrelang darüber gestritten. Heute sind sie beide des Lobes voll. Schön wäre es, wenn sich auch das Baunebengewerbe zu einer solchen Lösung durchringen könnte. Wichtig scheint mir, dass solche Pensionierungsmodelle via berufliche Vorsorge und nicht via AHV ermöglicht werden. Nur so können jene profitieren, die eine vorzeitige Pensionierung auch wirklich verdient haben.

 

Erschienen in der BZ am 12. April 2011

Claude Chatelain