"Ich kann nicht sagen, ich zahle Mitarbeitern nur noch die Hälfte"

Brady Dougan
Brady Dougan

Credit-Suisse-Chef Brady Dougan befürwortet – anders als die UBS – die Eigenkapitalregeln, die der Bund einführen will. Sie seien streng, aber umsetzbar. Zudem verteidigt er die hohen Bankerlöhne: «Wir richten uns nach den Löhnen aus, die guten Leute weltweit bezahlt werden», sagt er.

 

Herr Dougan, warum verlegt die Credit Suisse ihren Sitz nicht einfach ins Ausland, wo es weniger strenge Eigenmittelvorschriften gibt?

Brady Dougan: Well, ich fürchte, viele Leute haben vergessen, was 2008 geschehen ist. Das Finanzsystem muss gesünder und sicherer gemacht werden. Die Credit Suisse war proaktiv. Wir haben unser Geschäftsmodell sofort geändert. Und wir haben mit Regulatoren zusammengearbeitet, um ein gesünderes Finanzsystem auszuarbeiten.

 

Sie haben also im Unterschied zur UBS kein Problem mit den Empfehlungen der Expertenkommission zur «Too big to fail»-Problematik.

Die Empfehlungen der Expertenkommission sind streng, aber umsetzbar. Ein CS-Vertreter war Mitglied der Kommission und hat den Schlussbericht – wie alle anderen Mitglieder auch – unterschrieben.

 

Die Eigenmittelvorschrift von 19 Prozent ist Ihnen also nicht zu hoch.

Verlangt wird zum einen eine Kernkapitalquote von 10 Prozent. Dazu kommen Pflichtwandelanleihen von 9 Prozent. Wir waren immer der Meinung, der Markt für Pflichtwandelanleihen werde es uns erlauben, genügend Kapital zu vernünftigen Konditionen aufzunehmen. Die erfolgreiche Emission von Mitte Februar hat dies bestätigt. Dies, obwohl selbst professionelle Investoren uns im Vorfeld gesagt hatten, es gebe dafür keinen Markt. Dieser Puffer von 9 Prozent ist sehr hoch, macht aber das System sicherer.

 

Mehr Kopfzerbrechen bereitet Ihnen die Kernkapitalquote von 10 Prozent.

Wir haben bereits im Detail erklärt, wie wir diese Quote über die Jahre erreichen wollen. Aber hier stellt sich die Frage, welche Kernkapitalquote die anderen Länder verlangen werden. Ich gehe davon aus, dass auch in anderen Ländern der Gesetzgeber für die global tätigen Banken eine höhere Kapitalquote verlangen wird als im Regelwerk «Basel III». Dann werden wir rund um die Welt eine vernünftige Konkurrenzsituation haben.

 

Und wenn die anderen Länder weniger strenge Kapitalanforderungen stellen?

Die Schweiz ist seit über hundert Jahren ein Leader im Finanzbereich. Und das wird sie bleiben. Aber selbstverständlich kann auch die Schweiz die Entwicklungen im Ausland nicht ignorieren. Sollten die anderen Länder mit einem starken Finanzplatz keine strengeren Kapitalvorschriften erlassen, muss die Schweiz flexibel sein und ihre Vorschriften überdenken. Das sieht übrigens auch der Bericht der Expertenkommission so vor.

 

Ist es nicht so, dass vor allem der Eigenhandel von den strengen Vorschriften tangiert wird, weil dadurch enorme Mittel hinterlegt werden müssen?

Es ist richtig, dass gewisse handelsbezogene Aktivitäten gemäss dem Regelwerk «Basel III» zusätzliche Eigenmittel binden, nicht nur der Eigenhandel. Für die Credit Suisse ist das insofern kein Nachteil, als wir vor zwei Jahren den Eigenhandel zum grössten Teil eingestellt haben. Wir setzen unser Kapital im Auftrag der Kunden ein. Das verschafft uns einen Vorteil im Umgang mit den neuen Vorschriften. Richtig ist aber ebenfalls, dass insgesamt für die Bank mehr Eigenmittel hinterlegt werden müssen.

 

Ist das nicht auch ein Vorteil? Kunden geschäften doch lieber mit gut kapitalisierten

Banken.

Es gibt zwei Seiten: Eine gute Kapitalisierung schafft natürlich Vertrauen. Wir verfolgen eine

konservative Strategie. Der Kunde weiss, dass wir ihm dienen können, was immer auf den Finanzmärkten passiert. Das hat auch dazu geführt, dass die Kunden uns in den Jahren 2009 und 2010 im Private Banking über 80 Milliarden Franken an Neugeldern anvertraut haben.

 

Was ist die andere Seite?

Wir müssen auf unserem Eigenkapital für unseren Aktionär eine Rendite erwirtschaften, damit uns Investoren weiterhin Kapital zur Verfügung stellen. Auch hier stehen wir in Konkurrenz mit anderen Banken. Wenn das Eigenkapital zu hoch ist, wird die Rendite tiefer ausfallen. Das passt dem Aktionär nicht. Gerade deshalb ist die von der Expertenkommission vorgeschlagene Struktur – 10 Prozent Kernkapitalquote, 9 Prozent Pflichtwandelanleihe, sogenannte Coco-Bonds – eine gute Sache. Denn nur die 10 Prozent Kernkapital sind für die Eigenkapitalrendite relevant, nicht aber die Pflichtwandelanleihe.

 

Kommen wir zum Schweizer Markt: Ist der Hypothekarmarkt überhitzt?

Der Immobilienmarkt hat in den vergangenen Jahren einen markanten Wertzuwachs erfahren. Ausserdem können wir von einigen Banken eine recht aggressive Kreditpolitik beobachten, indem extrem tiefe Zinsen angeboten werden. Geht der Preisanstieg ungebremst weiter, könnte dies in Kombination mit selbstverstärkenden Mechanismen – wie beispielsweise dem Glauben an stetig steigende Immobilienpreise – letztlich zu einer flächendeckenden Blasenbildung führen. Preiskorrekturen sind vorerst jedoch nicht zu erwarten, da die Nachfrage intakt bleibt und die weiterhin tiefen Zinsen den Markt stützen.

 

Was ist die Antwort der Credit Suisse auf diese Situation?

Wir haben unsere Strategie nicht gewechselt: Wir verfolgen weiterhin ein konservatives und verantwortungsvolles Vorgehen und wachsen deshalb bei den Hypotheken weniger stark als der Markt. Was unser Kreditportefeuille betrifft, fühlen wir uns sehr komfortabel.

 

Aber eine Krise sehen Sie nicht kommen.

Ich kann nur sagen, dass wir eine konservative Strategie fahren und keine unverhältnismässigen Risiken eingehen.

 

Sie haben im vergangenen Jahr 13 Millionen Franken verdient. Wie erklären Sie Ihren Aktionären oder der Öffentlichkeit die Höhe Ihrer Gesamtentschädigung?

Die Credit Suisse gehörte zu den ersten Banken, die ein langfristig ausgerichtetes Entlöhnungssystem eingeführt hatten. Unser System gehört meiner Ansicht nach zu den besten in der Branche. Der Anteil der Entschädigung, der erst nach ein paar Jahren ausbezahlt wird, ist bei der Credit Suisse vergleichsweise hoch. Bei der Geschäftsleitung ist der gesamte Bonus auf vier Jahre gesperrt. Dieser aufgeschobene Lohnanteil wird nur ausbezahlt, wenn die von den Mitarbeitern getätigten Geschäfte auch längerfristig gewinnbringend sind. Rund 7000 unserer Mitarbeiter haben solche Entschädigungsregeln. Zudem erhalten unsere Mitarbeiter Aktien, nicht aber Optionen mit ihren grossen Hebelwirkungen.

 

Sie beschreiben die Struktur des Lohnsystems. Aber Kritiker stossen sich an der Höhe der Entschädigung.

Wir legen die Löhne aufgrund des Wettbewerbs fest, der in der Schweiz und weltweit herrscht. Ich kann Ihnen sagen: Im Interesse der Aktionäre wollen wir keinen Angestellten besser bezahlen, als wir dies tun müssen. Wir sind diesbezüglich kein Preistreiber. Wir richten uns nach den Löhnen aus, die guten Leuten weltweit bezahlt werden.

 

Doch namhafte Ökonomen zweifeln dieses Argument an: Sie sagen, dass es sich um einen geschlossenen Kreis von Bankern handelt, die sich gegenseitig hohe Saläre zuhalten.

Ich kann Ihnen versichern, dass auf dem Arbeitsmarkt für Banker ein sehr intensiver Wettbewerb herrscht.

 

Würden Sie denn die Credit Suisse verlassen, wenn Sie nur noch 5 Millionen Franken verdienen würden?

Bei einem solchen Entscheid spielt nicht nur der Lohn eine Rolle. Da sind andere Faktoren auch ganz wichtig. Entscheidend ist beispielsweise, dass die Mitarbeiter gut geführt werden, dass ihnen die Arbeit Freude bereitet und dass sie stolz auf ihren Arbeitgeber sind. Wie loyal auch immer ein Mitarbeiter sein mag: Erreicht der Lohnunterschied ein gewisses Ausmass, dann wechselt der Mitarbeiter zur Konkurrenz. Und ich kann Ihnen versichern: Unsere Mitarbeiter sind begehrt bei global tätigen und bei Schweizer Banken.

 

Im vergangenen Jahr haben Sie zusätzlich zu Ihrem schon hohen Gehalt Aktien im Wert von 70 Millionen Franken aus einem fünf Jahre alten Bonusprogramm erhalten. Was tun Sie mit so viel Geld?

Zuerst bezahle ich viel Steuern. Zudem steckt ein grosser Teil der Entschädigung in Form von Aktien im Unternehmen. Und dies ist keine Einbahnstrasse: Ich hatte im Jahr 2006 Geld in das von der Credit Suisse lancierte zweite PIP-Optionsprogramm investiert. Das Programm ist in diesem Frühling wertlos verfallen.

 

Genau dies zeigt die absurde Mechanik dieser Programme, die stark vom Aktienkurs abhängen: In einem Jahr kassieren Sie 70 Millionen, und ein Jahr später gibt es nichts.

Jedes Programm hat seine Vor- und Nachteile. Aber ein Programm, das dem Aktienkurs ein hohes Gewicht beimisst, gibt den Managern einen hohen Anreiz, im Interesse der Bank zu arbeiten. Der Sinn dieser Programme liegt darin, dass sie der Bankführung den Anreiz geben, entsprechend den langfristigen Interessen der Aktionäre zu entscheiden.

 

Können Sie ein Beispiel dafür geben, wie ein solcher Anreiz den Aktionären etwas gebracht hat?

Wir hatten im Herbst 2008 intensive Gespräche mit den Verantwortlichen bestimmter Bereiche in der Investmentbank, die wir restrukturieren oder schliessen wollten. Weil diese Leute aufgrund ihrer Aktienbeteiligung am Unternehmen erkannten, dass dies sinnvoll für das Gesamtunternehmen ist, haben sie den Entscheid mitgetragen und geholfen, diese Massnahmen rasch umzusetzen. Das hat uns während der Krise enorm geholfen.

 

Die Minder-Initiative gegen die Abzockerei steckt nach wie vor in der politischen Pipeline. Diese verlangt, dass die Generalversammlung das Entschädigungssystem absegnen muss. Welche Folgen hätte die Annahme dieser Initiative für die Credit Suisse?

Die Credit Suisse hat als eines der ersten Unternehmen in der Schweiz eine Konsultativabstimmung der Generalversammlung über das Entschädigungssystem durchgeführt. Ich denke, dies ist ein gutes Instrument. Ein Mitspracherecht der Generalversammlung bei der Salärausgestaltung der Geschäftsleitung, das bis in die Details geht, wird schwierig umzusetzen sein. Ich finde es besser, wenn der Verwaltungsrat hier die Entscheidgewalt behält.

 

Doch eine Konsultativabstimmung ist nicht bindend.

Wenn die Aktionäre das Entschädigungsmodell nicht mittragen, dann wird der Verwaltungsrat daran Änderungen vornehmen, das können Sie mir glauben.

 

Sie werden von den Medien und an der Generalversammlung hart kritisiert für die Höhe Ihres Lohnes. Dabei wirken Sie immer sehr cool. Doch was denken Sie, wenn Sie solche Kritik hören?

Jeder Aktionär hat seine eigene Perspektive. Die einen Aktionäre sind nur an einer hohen Rendite interessiert, für andere ist es entscheidend, wie das Unternehmen mit der Gesellschaft interagiert. Es ist wichtig und legitim, dass ein Aktionär seine Position vertritt, sei diese kurz- oder langfristig. Wir von der Geschäftsleitung auf der anderen Seite haben ein Mandat vom Verwaltungsrat respektive der Mehrheit der Aktionäre und versuchen, so zu entscheiden, wie es im langfristigen Interesse der Bank ist.

 

Den Kritikern geht es um Gerechtigkeit.

Man kann dieses Thema natürlich unter dem Aspekt der Gerechtigkeit diskutieren. Aber ich als Bankchef kann nicht einfach sagen, jetzt bezahle ich den Mitarbeitern nur noch die Hälfte. Wie ich auch nicht festlegen kann, dass wir als Unternehmen nur noch die Hälfte für Strom oder Mieten bezahlen.

 

In den USA laufen Verfahren gegen vier ehemalige CS-Banker. Es gibt Befürchtungen, dass dies zu einem neuen Fall UBS werden könnte. Wie beurteilen Sie dies?

Wir nehmen diese Fälle sehr ernst. Die Credit Suisse arbeitet mit den zuständigen US-Behörden zusammen. Wir haben in der Vergangenheit stark darauf geachtet, dass unsere Mitarbeiter die Gesetze der jeweiligen Länder genau befolgen. Wir betreuen beispielsweise unsere amerikanischen Kunden zum überwiegenden Teil in den USA und nicht von der Schweiz aus.

 

Besteht die Gefahr, dass die Credit Suisse gezwungen werden könnte, die Banken zu nennen, zu denen ehemalige amerikanische CS-Kunden gewechselt haben, die ihre Gelder nicht versteuert hatten?

Darüber möchte ich nicht spekulieren.

Mitarbeit: Stefan Schnyder

 

Erschienen in der BZ am 11. April 2011

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Claude Chatelain