Bauleute gehen mit 60 in Pension

Pio Brönnimann, VR-Präsident von Weiss + Appetito in Bern,  lobt das Modell.
Pio Brönnimann, VR-Präsident von Weiss + Appetito in Bern, lobt das Modell.

Wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften in gleichem Masse von einem Modell schwärmen, so muss dieses gut sein. Die Rede ist hier von FAR, dem frühzeitigen Altersrücktritt.

 

Seit Jahren stockt die AHV-Revision, weil sich die Parlamentarier über die soziale Abfederung von Frühpensionierungen nicht zu einigen vermögen. Derweil hat die Baubranche ihren Akteuren wirtschafts- und sozialverträgliche Frühpensionierungen schon längst ermöglicht. Davon profitieren können jene Arbeiter, die eine vorzeitige Pensionierung am ehesten verdient haben: Bauleute, die bei jeder Witterung ihren Körper schinden. Das Modell wird von Arbeitgebern wie auch von Gewerkschaften in den höchsten Tönen gelobt. Das Modell heisst FAR, frühzeitiger Altersrücktritt.

Und so funktionierts: 1,3 Prozent Arbeitnehmer- und 4 Prozent Arbeitgeberbeiträge vom Jahreslohn fliessen in die Stiftung FAR. Mit diesem Geld wird Bauarbeitern ab Alter 60 eine Überbrückungsrente bis zum AHV-Alter ausbezahlt. Sie beträgt 65 Prozent des Jahreslohns plus 6000 Franken. Bedingung ist eine 15-jährige Tätigkeit auf dem Bau.

Kurt Regotz, Präsident der Baugewerkschaft Syna, möchte FAR auf andere Branchen ausweiten.
Kurt Regotz, Präsident der Baugewerkschaft Syna, möchte FAR auf andere Branchen ausweiten.

«Hervorragendes Modell»

 

«Das Modell ist hervorragend», schwärmt Kurt Regotz, Präsident der Baugewerkschaft Syna. «Eine gute Sache», meint Daniel Lehmann, Direktor des Schweizerischen Baumeisterverbands. Ebenso positiv ist Pio Brönnimann, Verwaltungsratspräsident der Weiss +Appetito in Bern. Besonders angetan ist Brönnimann vom Umstand, dass Frühpensionierte in den Sommermonaten Juli und August häufig wieder Pickel und Schaufel in die Hand nähmen. Sie könnten dadurch die Rente aufbessern und würden ganz gerne zwischendurch wieder Hand anlegen. Der Baufirma wiederum komme dies insofern gelegen, da sie in den Sommermonaten häufig Engpässe bekunde. «Eine klassische Win-win-Situation», versichert Pio Brönnimann.

 

Gipser und Maler

 

Das Modell ist laut Kurt Regotz so gut, dass es auch auf andere Branchen, insbesondere des Baunebengewerbes, ausgedehnt werden sollte. Zu denken sei an Gipser, Maler, Gerüstbauer, Dachdecker, Zimmerleute, Bauschreiner, Sanitär- oder Heizungsinstallateure. «Die Verhandlungen mit den Verbänden verlaufen harzig», bedauert Corrado Pardini, Geschäftsleitungsmitglied bei der Gewerkschaft Unia und SP-Grossrat im Kanton Bern. Dies gilt aber nur für die deutsche Schweiz. Anders in der Romandie: Dort verfolgt die Stiftung Resor für das Baunebengewerbe denselben Zweck wie die eben beschriebene FAR für das Bauhauptgewerbe. Im Kanton Genf gibt es zudem ein Modell für das Metallbaugewerbe.

 

«In der deutschen Schweiz kämpfen wir gegen eine ideologische Blockade», sagt Pardini weiter. Aber nicht nur im Baunebengewerbe, auch in der Maschinen- und Metallindustrie möchten die Gewerkschaften ein branchenweites Modell für frühzeitige Altersrücktritte einführen. Wer einmal eine Giesserei von innen gesehen hat, kann dieses Ansinnen nachvollziehen. Doch hier sind Branchenlösungen wegen der Heterogenität der Industrie ungleich schwerer. Und nach den Erfahrungen von Corrado Pardini denken Maschinen- und Metallindustrielle im Unterschied zu den Bauleuten weniger für die gesamte Branche, sondern vorab für ihren eigenen Betrieb. So gibt es unter Umständen Lösungen für einzelne grosse Firmen, nicht aber für die grosse Zahl von KMU.

 

Erschienen in der BZ am 8. April 2011

Claude Chatelain