Der Anteil der Japaner beträgt 2,5 Prozent

Japanische Touristen in der Berner Marktgasse.
Japanische Touristen in der Berner Marktgasse.

Der Anteil japanischer Touristen in der Schweiz wird generell überschätzt: Von allen ausländischen Logiernächten in der Schweiz gehen nur 2,5 Prozent auf das Konto der Gäste aus Japan.

 

Nur 3 Prozent der exportierten Schweizer Waren finden den Weg nach Japan. Ein Nachfrageausfall im fernöstlichen Inselreich würde also die Schweizer Exportindustrie nicht ins Mark treffen. Das Gleiche gilt auch für den Tourismus: Von den gut 20,4 Millionen Hotellogiernächten ausländischer Gäste gingen im zurückliegenden Jahr 507'000 auf das Konto von Japanern, rund 2,5 Prozent.

Dabei war verschiedentlich zu lesen, besonders betroffen von einem Ausfall der Nachfrage aus Japan sei der Fremdenverkehr. Die verzerrte Wahrnehmung hängt wohl damit zusammen, dass die Eidgenossen hinter jedem mit Kamera behangenen Asiaten einen japanischen Touristen vermuten. Vor fünfzig Jahren lag man mit dieser Vermutung richtig. Mittlerweile ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Asiate tatsächlich aus Nippon stammt, weniger als 50 Prozent. Dieser Anteil wird heuer aus bekannten Gründen weiter sinken.

 

Wie stark die Einbusse japanischer Touristen sein wird, lässt sich derzeit kaum abschätzen. Laut Masayo Oshio, Deputy Market Manager Japan von Schweiz Tourismus in Tokio, beginnt die grosse Reisesaison der Japaner im Mai, und die Annulationsfrist beträgt einen Monat. Derzeit sei es an der Buchungsfront still: Es gebe weder Buchungen noch Annulationen. Urs Kessler, CEO der Jungfraubahn-Holding, bestätigt indessen, um die zehn Annulationen von japanischen Gruppen erhalten zu haben. 1960 registrierte die Schweizer Hotellerie 50 000 Logiernächte japanischer Gäste. Dann ging es kontinuierlich bergauf: In den Neunzigerjahren zählte die Schweizer Hotellerie jährlich über 800 000 Logiernächte japanischer Touristen, obschon die asiatische Wirtschaftsmacht in jener Zeit von einer langjährigen Wachstumsflaute und zeitweise einer Deflation heimgesucht wurde. Die Spitze wurde dann im Jahr 2000 mit 970'000 Übernachtungen erreicht. Dann ging es ebenso kontinuierlich bergab, wie es zuvor bergauf gegangen war: 2010 übernachteten die Japaner noch 507'000-mal in einem Hotel in der Schweiz. Masayo Oshio begründet den Nachfragerückgang mit 9/11, Sars, Irak-Krieg und Grippeepidemien. Touristiker in der Schweiz sprechen dagegen von neuen Destinationen, die sich für Japaner geöffnet hätten, etwa China und Osteuropa. Verändert hat sich ebenfalls das Reiseverhalten: Auch Japaner reisen vermehrt einzeln als in Gruppen.

 

Aktivität nach China verlagert

 

Schweiz Tourismus dürfte am Abwärtstrend nicht unschuldig sein: Die Vermarktungsorganisation hat ihre Aktivität in Nippon heruntergefahren, um ihre Kräfte in neueren Märkten mit einem hohen Potenzial zu bündeln: namentlich in China und Indien. Bei der Schilthornbahn beträgt der Anteil Japaner 5 Prozent, in der Stadt Bern gemessen an den Logiernächten 2,1 Prozent. Stark auf dem japanischen Reisemarkt verankert sind nach wie vor die Jungfraubahnen: 22 Prozent der im vergangenen Jahr aufs Joch gereisten Touristen waren Japaner. Der Anteil lag aber auch schon bei über 40 Prozent, ehe nach und nach auch andere Asiaten die Japaner verdrängten. Mittlerweise fahren fast gleich viele Koreaner wie Japaner mit der Jungfraubahn. Und wenn nicht alles täuscht, werden heuer erstmals mehr Südkoreaner als Japaner das «Top of Europe» besuchen.

 

Erschienen in der BZ am 2. April 2011

Claude Chatelain