Vierte Säule: BKW gehört nicht an die Börse

Seit dem Ausbruch der Nuklearkatastrophe in Japan ist der Kurs der BKW-Aktie um 18 Prozent in den Keller gesaust. Wie immer bei grossen Kurskorrekturen fragt sich auch diesmal der hungrige Aktionär, ob sich damit eine verlockende Einstiegsmöglichkeit biete. Auch ich konnte mich entsprechenden Fragen nicht entziehen.

Nun, ich würde nie eine Aktie der BKW kaufen. Die BKW ist für mich das kurioseste Unternehmen, das an der Schweizer Börse kotiert ist. Stromkonzerne gehören nicht an die Börse. Solange nämlich die SP den Kapitalismus nicht zu überwinden vermag, verfolgen alle privaten Firmen und insbesondere die börsenkotierten Unternehmen denselben Zweck: Sie verkaufen Güter oder Dienstleistungen – und zwar möglichst viel, um dabei einen möglichst hohen Gewinn zu erwirtschaften. Nur so steigert man den Aktienwert; nur so kann man den Aktionär mit schönen Dividenden oder Kurssteigerungen beglücken.

 

Wie wir alle wissen, ticken halbstaatliche Stromkonzerne wie die BKW anders: Die BKW ist mehrheitlich im Besitz des Kantons Bern. Sie darf uns in ihrer Werbebotschaft nicht sagen: Lasst im Winter die Türen offen, damit wir Ihnen via Steckdose möglichst viel Strom liefern dürfen. Sie darf uns nicht sagen, wir sollten doch den Fernseher im Stand-by-Modus lassen, damit sie uns mehr Strom verkaufen kann. Im Gegenteil: Sie erklärt uns in Broschüren, wie man Strom sparen könnte. Das ist, wie wenn uns die Migros sagen würde, sie hätte zwar ein schönes Sortiment; doch der Volksgesundheit zuliebe wäre es besser, Konsumentinnen und Konsumenten sollten doch masshalten.

 

Eigentlich wäre es auch in einer auf Wettbewerb getrimmten Gesellschaft besser, die BKW und alle anderen Stromproduzenten würden vollständig dem Staat gehören. Strom ist nun mal nicht ein Gut wie Teigwaren, Autoreifen oder Plastikspielzeuge. Strom ist ein Gut, von dem wir aus umweltpolitischen Gründen möglichst wenig brauchen sollten. Eine Zielsetzung, die einem börsenkotierten Unternehmen zuwiderläuft.

 

Erschienen in der BZ am 29. März 2011

Claude Chatelain