Vierte Säule: Warum die Börsen trotz Fukushima nicht krachen

Finanzmärkte haben keine Moral. Wie so oft bei Katastrophen waren die Finanzmarktexperten auch in den vergangenen Tagen zur Stelle, um nüchtern zu analysieren, wie sich die Umweltkatastrophe in Japan auf die einzelnen Märkte auswirken wird.

Dabei geht man immer nach dem gleichen Muster vor: Man beurteilt die Bedeutung der katastrophengeplagten Region am Welthandel und weist darauf hin, dass zerstörte Infrastrukturen einen neuen Investitionsschub auslösten, was sich wiederum positiv auf die Weltwirtschaft auswirke. Aufgrund bisheriger Erfahrungen mit Naturkatastrophen darf man getrost daraus schliessen, dass Folgen für die Weltwirtschaft bei solchen Katastrophen generell überschätzt werden.

 

Würde man den Politikerinnen und Politikern in Europa glauben, müsste man jedoch im aktuellen Fall zu einem anderen Schluss kommen. Dann müsste nämlich die Nuklearkatastrophe insbesondere auf die europäischen Aktienmärkte einen grösseren negativen Einfluss ausüben, als gemeinhin angenommen wird. Wenn sich nämlich grössere europäische Länder wie Deutschland tatsächlich von der Atomenergie verabschieden, werden sich die Energiekosten im Allgemeinen und die Stromkosten im Speziellen massiv verteuern. Das würde die Konsumlust dämpfen und die Produktionskosten erhöhen, was sich unweigerlich in den Geschäftsabschlüssen der Aktiengesellschaften niederschlüge. Der Gewinn pro Aktie würde weniger hoch ausfallen als prognostiziert − und das würde den Kurs unter Druck setzen.

Offensichtlich rechnen die Finanzmarktakteure nicht mit diesem Szenario. Sie rechnen nicht mit massiv höheren Stromkosten. Das heisst, sie glauben nicht, dass Atomkraftwerke im grossen Stil geschlossen werden. Dies wiederum heisst nichts anderes, als dass die Finanzmärkte die Worte der Politiker nicht wirklich ernst nehmen. Das ist ihnen nicht zu verargen. Was mich betrifft: Ich glaube den Märkten auch mehr als den Politikern.

 

Erschienen in der BZ am 22. März 2011

Claude Chatelain