Der Nationalrat will keine sechste Ferienwoche

Der Nationalrat lehnt die Volksinitiative «6 Wochen Ferien für alle» mit 110 zu 61 Stimmen ab. Auch von mindestens fünf Wochen Ferien will er nichts wissen.

 

Viereinhalb Stunden redeten die Nationalräte vor weitgehend gelichteten Reihen zur Initiative von Travailsuisse und sagten alle etwa das Gleiche: Die Linke verwies auf die wachsende Arbeitsbelastung: «Die stressbedingten Krankheiten nehmen in besorgniserregendem Masse zu», sagte etwa Gewerkschaftsboss Paul Rechsteiner (SP, SG). «Die Initiative gefährdet den Werkplatz Schweiz», meinte dagegen Philipp Müller (FDP, AG), womit die viereinhalbstündige Debatte ziemlich vollständig zusammengefasst wäre.

Zu erwähnen ist noch der Standpunkt von Hansjörg Hassler (BDP, GR): «Der Stress für die ganze Gesellschaft entsteht heute meiner Meinung nach nicht in erster Linie am Arbeitsplatz, sondern eher in der Freizeit», meinte der Landwirt aus Donath. All die Freizeitangebote und Freizeitbeschäftigungen verursachten einen grossen Teil des Stresses, nicht die geregelte Beschäftigung am Arbeitsplatz. Das Verdikt war deutlich: Die Initiative «6 Wochen Ferien für alle» wurde mit 110 zu 61 Stimmen abgelehnt.

 

Neben der Initiative debattierte der Nationalrat noch über verschiedene Vorstösse, die in die gleiche Richtung zielen und ebenfalls abgelehnt wurden. So etwa die Parlamentarische Initiative von Dominique de Buman (CVP, FR), lediglich den über 50-Jährigen mindestens fünf Wochen zu gewähren.

 

Warum nicht fünf Wochen?

 

Kaum diskutiert wurde der direkte Gegenvorschlag von Alec von Graffenried (Grüne, BE). Er schlug vor, generell mindestens fünf statt sechs Ferienwochen zu verordnen. Die vorliegende Volksinitiative verlange «eine sprunghafte Erhöhung» von heute vier auf neu sechs Wochen Ferien. Damit werde der Bogen etwas überspannt, meinte von Graffenried.

 

In einem Interview mit dieser Zeitung (15. Februar 2011) begründete Susanne Blank von Travailsuisse die «sprunghafte Erhöhung» mit den Worten: «Schon heute haben viele Arbeitnehmende einen vertraglichen Anspruch auf fünf Wochen Ferien.» Darauf angesprochen, meint Alec von Graffenried in der Wandelhalle, dass gerade jene Arbeitnehmenden, denen noch keine fünf Wochen Ferien gewährt würden, zusätzliche Ferientage am meisten nötig hätten.

 

Kaum einer der vielen Rednerinnen und Redner ging auf den Antrag von von Graffenrieds ein. Vermutlich auch deshalb, weil er erst zwei Tage vor der Debatte eingereicht wurde, obschon die Kommission das Thema vor längerem behandelt hatte. Der Antrag wurde mit 110 zu 64 Stimmen abgelehnt. Nun muss sich auch noch der Ständerat mit der Initiative befassen.

 

 

KOMMENTAR: Ein Bärendienst

Man darf unterschiedlicher Meinung sein, ob der gesetzliche Ferienanspruch von vier Wochen auf fünf oder sogar auf sechs Wochen erhöht werden soll. Definitiv eine Schnapsidee ist aber die parlamentarische Initiative des Freiburger CVP-Nationalrats Dominique de Buman, nur Arbeitnehmern ab dem 50. Altersjahr wenigstens fünf Wochen Ferien zu gewähren.

 

Mag sein, dass ältere Leute mehr Ferien brauchen als jüngere. Und Tatsache ist, dass zahlreiche Unternehmen ihren älteren Arbeitskräften schon heute freiwillig eine zusätzliche Ferienwoche gönnen. Tatsache ist aber ebenfalls, dass Arbeitnehmer über 50 auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Selbst beim Lohn eines 40-Jährigen kommen sie den Arbeitgeber teurer zu stehen. Er hat für ältere Arbeitnehmer mehr Sozialabgaben zu entrichten als für jüngere.

Dominique de Buman
Dominique de Buman

Weshalb soll ein Arbeitgeber einem 55-Jährigen den Vorzug geben, wenn dieser angeblich weniger leistungsfähig ist, höhere Sozialkosten verursacht und dann erst noch mehr bezahlte Ferien beansprucht?

 

Das Seco ist bestrebt, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit ältere Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt weniger benachteiligt sind. Die Initiative de Bumann, welche gestern der Nationalrat mit 100 zu 72 Stimmen verworfen hat, bewirkt das Gegenteil.

 

Erschienen in der BZ am 18. März 2011


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Claude Chatelain