Vierte Säule: Langfristig ist relativ

"Langfristig sind wir alle tot", sagte John Maynard Keynes.
"Langfristig sind wir alle tot", sagte John Maynard Keynes.

Aktien sind langfristig interessant. Wie ein Mantra wird dieser Satz ausgesprochen und kaum hinterfragt. Als Spielverderber wage ich zu fragen: welche Aktien? Etwa die Zürich? ABB? Swiss Re? UBS?

 

Nehmen wir die Zürich, die vor über zehn Jahren für negative Schlagzeilen sorgte. Die Aktie dieses globalen Versicherungskonzerns kostete in den besten Jahren 905 Franken. Heute liegt der Kurs bei 267 Franken, minus 71 Prozent.

 

Oder nehmen wir Swiss Re: Ende Neunzigerjahre stieg der Titel auf 207 Franken; er fiel dann zwischendurch auf unter 12 Franken und notiert heute bei 55 Franken – 73 Prozent vom Höchstkurs entfernt.

Für das einstige Schwergewicht Clariant musste man auch schon Fr. 93.60 bezahlen, seit Jahren döst der Chemievalor unter 20 Franken und wird derzeit für 15 Franken gehandelt. Ich will nicht unfair sein, sonst könnte ich auch noch die UBS nennen, deren Kurs um 76 Prozent unter seinem Höchst notiert. Sollte jemand einwenden, der Kurs werde sich erholen, schiebe ich subito das Beispiel der Swissair nach. Selbst Verfechter der Auferstehungsthese werden einräumen, dass der Nonvaleur der Swissair nie mehr zu einstiger Blüte zurückkehren wird.

 

Ich wählte ausschliesslich grosskapitalisierte Unternehmen, welche naturgemäss nicht so hohen Schwankungen ausgesetzt sind wie die Small und Mid Caps. Bei Letztern gibt es noch krassere Beispiele: Der Kurs der Bieler Mikron plusterte sich mit der Technologieblase auf über 1500 Franken auf. Heute liegt er unter 10 Franken.

 

Berufsoptimisten werden einwenden, man müsse einen gesamten Markt abdecken und nicht einzelne Aktien kaufen. Einverstanden: Nehmen wir also das Beispiel Japan: 1989 notierte der Nikkei-Index bei knapp 39 000 Punkten, und die Prognostiker sagten für das darauffolgende Jahr 60 000 Punkte voraus. Stattdessen stürzte das wichtigste Börsenbarometer aus dem fernöstlichen Inselreich auf 7055 Punkte ab und notiert heute bei gut 10 000 Punkten. Wie hiess doch der erste Satz dieser Kolumne? Mir bleibt nur noch, an John Maynard Keynes’ berühmten Satz zu erinnern: «Langfristig sind wir alle tot.»

 

Erschienen in der BZ am 8. März 2011

Claude Chatelain