Neue Suva-Renten auf Rekordtief

Schleudertraumata haben kaum abgenommen. Nur kriegt man heute aufgrund dieses Leidens keine Rente mehr.
Schleudertraumata haben kaum abgenommen. Nur kriegt man heute aufgrund dieses Leidens keine Rente mehr.

Die Zahl der von der Suva neu gesprochenen Invalidenrenten war seit 1984 nie so tief wie im zurückliegenden Jahr.

«Eingliederung vor Rente» ist eine alte Maxime. Nur sorgte niemand für die Eingliederung, sodass es beim frommen Wunsch geblieben ist. In der IV stehen erst seit 2008 wirkungsvolle Eingliederungsmassnahmen bereit. Etwas früher, nämlich 2003, hat sich die Suva einer Wiedereingliederungsstrategie verschrieben. Neudeutsch heisst das Case-Management. Mittlerweile beschäftigt allein die Suva 130 Case-Manager, welche zusammen mit den Verunfallten, den Ärzten und Arbeitgebern alles daransetzen, verunfallte Personen wieder in den Berufsalltag zu integrieren.

 

Offensichtlich mit Erfolg: Die Zahl der neu gesprochenen Invalidenrenten ging auch 2010 nochmals um 3,5 Prozent zurück. 2003 hatte die Suva 3357 neue Renten gesprochen; im zurückliegenden Jahr waren es nur noch 1978 Renten, 41 Prozent weniger. Seit der Einführung der obligatorischen Unfallversicherung im Jahr 1984 mussten nie so wenig neue Renten gesprochen werden wie im abgelaufenen Jahr.

 

Dabei ist die Zahl der Unfälle im vergangenen Jahr sogar gestiegen: Die Zahl der Berufsunfälle stieg um 3,7 Prozent auf 182 000; jene der Nichtberufsunfälle um 0,2 Prozent auf 255 000. Dies ist laut Suva auf die verbesserte Wirtschaftslage mit mehr Beschäftigten zurückzuführen.

Die kontinuierliche Reduktion der neu gesprochenen Invalidenrenten ist aber nicht allein dem Case-Management zu verdanken. Auch die strengere Gerichtspraxis hat zu diesem Trend geführt. Das Bundesgericht hat wiederholt bestätigt, dass der Schmerz allein noch keinen Anspruch auf eine Rente rechtfertige. Bei der Suva betrifft dies vor allem Patienten mit dem HWS-Syndrom, auch bekannt unter Schleudertrauma. Nach Angaben von Felix Weber, Leiter Versicherungsleistungen und Rehabilitation, werden der Suva jährlich um die 12'500 HWS-Fälle gemeldet, die kleinsten Verrenkungen mitgezählt. 2003 erhielten 400 HWS-Patienten eine Rente; im vergangenen Jahr waren es nur noch 100. Das heisst nicht, dass weniger HWS-Opfer zu beklagen sind, sondern dass es gerade bei diesem Leiden schwieriger geworden ist, eine Rente zu erhalten. Felix Weber schätzt, dass die Reduktion der neu gesprochenen Invalidenrenten zu 80 Prozent auf das Case-Management und zu 20 Prozent auf die verschärfte Gerichtspraxis zurückzuführen ist.

KOMMENTAR: Die Suva beweist, dass es keine Quoten braucht

In der zurückliegenden Wintersession erklärte die Zürcher SP-Nationalrätin Christine Goll: «Wir werden keine weitere IV-Revision unterstützen, die Verschärfungen für Versicherte, aber keine Verpflichtungen für die Arbeitgebenden enthält.» Freiwillig seien die Arbeitgeber nicht bereit, Menschen, die bereits eine IV-Rente bezögen, in den Arbeitsprozess einzugliedern. Deshalb müssten sie mit einer Quotenregelung dazu gezwungen werden, fordern auch Behindertenverbände.

 

Die Suva macht offensichtlich ganz andere Erfahrungen. Dem halbstaatlichen Unfallversicherer ist es gelungen, die Zahl der Neurentner von Jahr zu Jahr zu senken. Gemäss Felix Weber, Geschäftsleitungsmitglied bei der Suva, ist dieser

Erfolg nicht nur auf die eigene Wiedereingliederungsstrategie zurückzuführen, sondern auch dem Entgegenkommen der Arbeitgeber zu verdanken, wie er ausdrücklich erklärte. 75 Prozent der mit Erfolg wiedereingegliederten Personen finden den Weg zurück zum Arbeitgeber, bei welchem sie schon zur Zeit des Unfalls beschäftigt waren.

 

Kommende Woche werden die Räte wieder über die laufende IV-Revision debattieren. Auch die Quotenregelung wird wieder ein Thema sein. Die Zahlen der Suva sind daher gerade zur rechten Zeit erschienen. Zu wünschen bleibt, dass die Politiker sie zu interpretieren wissen.

 

Erschienen in der BZ am 23. Februar 2011


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Claude Chatelain