Vierte Säule: Über die Verrechnungssteuer

Seit Jahren verrechnet sich die Eidgenössische Finanzverwaltung bei der Budgetierung der Staatsrechnung. Und immer ist es die Verrechnungssteuer, deren Höhe sich offenbar nicht budgetieren lässt. Man könnte meinen, besagte Steuer heisse Verrechnungssteuer, weil sich der Bund damit stets verrechnet.

Nicht nur die Verrechnerei mit der Verrechnungssteuer sorgt jeweils für Unmut. Ich erhalte wiederholt Briefe oder Mails von Lesern, die sich über das Drumherum dieser Steuer ärgern.

Ein Leser hat mir kürzlich erzählt, dass er sich beim Bankschalter erkundigt habe, wohin eigentlich die 35 Prozent Verrechnungssteuer hinfliessen, die ihm auf dem Zins der Kassenobligationen abgezogen würden. «Die nette Dame wusste es nicht. Der Filialleiter wusste es auch nicht, setzte aber alle Hebel in Bewegung und informierte mich am folgenden Tag», erzählt mir der Leser. Die Verrechnungssteuer werde von den Banken vierteljährlich als grösseres Päckli anonym an die Steuerverwaltung überwiesen.

 

Daraus folgert er, dass die Bank sein Geld bis zur Überweisung an den Staat gewinnbringend anlegen wird, ohne dafür einen Zins zu vergüten. Nach der Überweisung an die Steuerverwaltung werde sein Geld für laufende Staatsausgaben verwendet. Die Rückerstattung erfolge erst im Juni oder Juli des folgenden Jahres. «Wird ein Zins im Januar fällig, stelle ich dem Staat also 17 Monate lang mein Geld zinslos zur Verfügung», beklagt sich der Leser weiter. Die Verrechnungssteuer sei «eine typisch schweizerisch-doppelbödige Konstruktion wie das Bankgeheimnis». Auf der einen Seite würden Steuerhinterzieher bestraft, auf der anderen Seite kassiere der Staat gerne die Verrechnungssteuer der auf der Steuererklärung nicht deklarierten Konti und Wertschriften.

 

«Käme der Staat in Bedrängnis, wenn alle Gelder im Dezember angelegt würden?», fragt der Leser rhetorisch. Meine Antwort: vermutlich nein; er würde sich höchstens bei der Budgetierung noch gröber verrechnen.

 

Erschienen in der BZ am 22. Februar 2011

Claude Chatelain