Lustige Witwen gibt es nur in der Oper

Die Berner Sopranistin Rebekka Mäder als lustige Wittwe in der Operette von Franz Lehar.
Die Berner Sopranistin Rebekka Mäder als lustige Wittwe in der Operette von Franz Lehar.

Der Sozialstaat Schweiz treibt seltsame Blüten. Besonders krass ist der Wirrwarr bei den Witwenrenten. Drei Vorsorgewerke kümmern sich um Witwen, und dies nach völlig verschiedenen Massstäben.

 

Lustig hat es die Witwe höchstens in der Operette von Franz Lehar. Doch sogar der frivolsten Witwe vergeht der Spass, wenn sie es mit dem Sozialstaat zu tun bekommt. Drei Sozialversicherungen zahlen Witwenrenten: die AHV, die berufliche Vorsorge (BVG) sowie die Unfallversicherung (UVG). Manchmal zahlen sie alle drei, manchmal nur eine. Den Durchblick haben nur noch Spezialisten.

Wer was bezahlt, hängt von diversen Faktoren ab – vom Alter, von der Anzahl Ehejahre, vom Alter der Kinder und von der Todesursache. Kommt hinzu, dass auch innerhalb eines Sozialwerks die Bestimmungen nicht immer identisch sind. So zum Beispiel in der beruflichen Vorsorge: Das BVG setzt bloss Minimalvorschriften fest. Zahlreiche Vorsorgeeinrichtungen bieten aber für Witwen bessere, überobligatorische Leistungen an.

 

Immerhin ein Kriterium darf man sich merken: das Alter 45. Es kommt in allen drei Sozialwerken vor. Freilich wäre es doch allzu einfach, wenn nun alle 45-jährigen Witwen in allen drei Sozialversicherungen gleich behandelt würden. Für die AHV und die Pensionskasse muss die hinterlassene Ehefrau zusätzlich noch mindestens fünf Ehejahre nachweisen können, um Anspruch auf eine Rente zu erhalten. Ist aber der Mann an einem Unfall und nicht an einer Krankheit verstorben, ist diese Bedingung nicht erforderlich: Gemäss UVG müssen Witwen keine fünf Ehejahre nachweisen können.

 

Es gibt Fälle, bei denen auch jüngere Witwen von unter 45 Jahren eine Rente erhalten – nämlich wenn sie Mutter sind. Wobei auch diese Anspruchsvoraussetzung nicht bei allen Sozialversicherungen identisch ist: Gemäss BVG erhalten Witwen unter 45 Jahren nur eine Rente, wenn das Kind unterstützungsbedürftig ist. Bei der AHV und dem UVG gibt es diese Einschränkung nicht.

 

Hat also eine Frau bereits früh Kinder gehabt und wird 46-jährig Witwe, wird sie von der AHV eine Witwenrente erhalten, obschon die Kinder längst ausgeflogen sind und sie zu 100 Prozent erwerbstätig ist.

 

Die Höhe der Rente

 

Nicht nur die Anspruchsvoraussetzungen sind verschieden, sondern auch die Berechnung der Rente:

• Bei der AHV gibt es einen maximalen Betrag von derzeit 1856 Franken pro Monat. Auf dieses Maximum kommt, wessen Mann keine Beitragslücken aufwies sowie ein bestimmtes Durchschnittseinkommen erreichte.

• In der beruflichen Vorsorge beträgt die Witwenrente 60 Prozent der IV-Rente des verstorbenen Mannes. Dies zumindest laut den BVG-Mindestbestimmungen. Zahlreiche Vorsorgeeinrichtungen bieten Leistungen an, die über diesem Minimum liegen. Wie hoch die Witwenrente in Franken ausfällt, steht auf dem Versicherungsausweis, der alle Jahre aktualisiert verschickt werden sollte.

• Gemäss UVG erhält die Witwe 40 Prozent des versicherten Lohnes des Ehemannes. Wobei der versicherte Lohn laut UVG nicht mit dem versicherten Lohn laut BVG zu verwechseln ist. Beim UVG beträgt der versicherte Lohn seit Anfang 2008 maximal 126 000 Franken. In der beruflichen Vorsorge hingegen ist der versicherte Lohn in den Pensionskassenreglementen unterschiedlich definiert.

 

Geschiedene Witwen

 

Nicht nur «gewöhnliche» Witwen, auch geschiedene Witwen haben beim Tod ihres Ex unter Umständen Anspruch auf eine Witwenrente. Hier ist nicht nur alles anders; hier ist sogar alles noch komplizierter.

 

Bei der geschiedenen Witwe erschweren zahlreiche zusätzliche Kriterien wie Ehedauer, Alter bei der Scheidung, Vorhandensein von Kindern, Alter der Kinder den Durchblick. All diese Faktoren erlauben unterschiedliche Kombinationen. Und je nach Kombination gibt es eine Witwenrente oder eben nicht. Von der AHV erhält die geschiedene Frau eine Geschiedenenwitwenrente, wenn

• sie Kinder hat und die geschiedene Ehe im Minimum zehn Jahre gedauert hat,

• das jüngste Kind sein 18. Lebensjahr erst vollendet, nachdem die geschiedene Mutter 45 Jahre alt geworden ist,

• die Frau bei der Scheidung älter als 45 Jahre war und die Ehe mindestens zehn Jahre gedauert hat.

 

Erfüllt die geschiedene Frau keine dieser Voraussetzungen, erlischt der Anspruch auf eine Witwenrente am 18. Geburtstag des jüngsten Kindes. So viel zur Witwenrente der AHV.

Beim BVG ist die geschiedene Ehefrau der Witwe gleichgestellt. Bedingung: Die Ehe hat mindestens zehn Jahre gedauert, und im Scheidungsurteil wurde ihr eine Rente oder eine Kapitalabfindung für eine lebenslängliche Rente zugesprochen. Ist aber nur eine befristete Rente vereinbart worden, wird die geschiedene Frau aus der beruflichen Vorsorge des Mannes laut Gesetz nichts erhalten, sofern das Reglement der Pensionskasse nichts anderes vorsieht.

 

Gut überlegen muss sich die geschiedene Frau, ob sie ein zweites Mal den Bund der Ehe schliessen will. Mit dem Jawort verliert sie den Anspruch auf die Witwenrente. Sollte aber dieses Jawort keine zehn Jahre Bestand haben, lebt der Anspruch wieder auf.

 

Erschienen in der BZ am 22. Februar 2011

Claude Chatelain