"Alle haben mehr Ferien nötig"

Susanne Blank: "Die durch Stress verursachten Kosten am Arbeitsplatz betragen 10 Milliarden Franken pro Jahr".
Susanne Blank: "Die durch Stress verursachten Kosten am Arbeitsplatz betragen 10 Milliarden Franken pro Jahr".

Für Susanne Blank von Travailsuisse brauchen Arbeitnehmer sechs Wochen Ferien im Jahr, weil der Stress am Arbeitsplatz in den vergangenen Jahren massiv zugenommen hat.

 

Frau Blank: Der Nationalrat wird in der Frühjahrssession die Travailsuisse-Initiative «6 Wochen Ferien für alle» behandeln. Was erhoffen Sie sich von dieser Debatte?

Susanne Blank: Wir erhoffen uns, dass die Veränderungen in der Arbeitswelt thematisiert werden. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Wirtschaft durch die Globalisierung und Technologisierung stark verändert. Die Belastung am Arbeitsmarkt hat stark zugenommen.

Sie sind schon zufrieden, wenn nur schon darüber gesprochen wird?

Selbstverständlich wäre es wünschenswert, wenn sich der Nationalrat für die Initiative aussprechen würde. Aber die politischen Mehrheiten sprechen dagegen. Genau deshalb ist es so wichtig, aufzuzeigen, dass der Stress am Arbeitsplatz zugenommen hat und dass dieser Stress hohe volkswirtschaftliche Kosten verursacht.

 

Wie hoch sind diese Kosten?

Laut einer Seco-Studie aus dem Jahr 2009 betragen die durch Stress am Arbeitsplatz verursachten Kosten 10 Milliarden Franken pro Jahr.

 

Glauben Sie, mit zwei zusätzlichen Ferienwochen wäre das Problem gelöst?

Ich bin überzeugt, dass es mehr Ausgleich braucht: mehr Pausen zum Regenerieren, zum Erholen, zum Auftanken.

 

Warum verlangen Sie gleich sechs Wochen Ferien, 50 Prozent mehr als heute?

Im Gesetz festgeschrieben sind vier Wochen Ferien. Schon heute haben viele Arbeitnehmende einen vertraglichen Anspruch auf fünf Wochen Ferien.

 

Wie würden sich die zusätzlichen Ferien auf der Kostenseite niederschlagen?

Die Initiative ist ein langfristiges Projekt. Die sechs Wochen Ferien treten erst nach einer sechsjährigen Übergangsfrist in Kraft. Die Unternehmen hätten genügend Zeit, sich entsprechend zu organisieren. Eine zusätzliche Ferienwoche kostet rund 2 Prozent der Lohnsumme. 

Susanne Blank: "Die Arbeitsproduktivität ist stärker gestiegen als die Reallöhne".
Susanne Blank: "Die Arbeitsproduktivität ist stärker gestiegen als die Reallöhne".

Das kann sich nicht jedes Unternehmen leisten.

In den letzten fünfzehn Jahren ist die Arbeitsproduktivität um 29 Prozent gestiegen. Die Reallöhne sind in der gleichen Periode bloss um 5 Prozent angestiegen. Mehr Ferien sind also verdient und tragbar.

 

Die Wirtschaftskommission des Ständerats will nicht mal Personen ab dem 50. Altersjahr fünf Wochen Ferien gewähren.

Ich befürchte, dass sich ein grosser Teil des Ständerats der eben genannten Problematik nicht bewusst ist.

 

Finden Sie es eine gute Idee, nur den über 50-Jährigen mehr Ferien zu garantieren?

Das Ansinnen ist insofern gerechtfertigt, als ab Alter 50 die Leistungsfähigkeit abnimmt und die Zwangspensionierungen sowie die Invaliditätsrate zunehmen. Ältere Arbeitnehmende sind früher ausgepumpt und brauchen mehr Erholung.

 

Aber?

Es ist nicht der richtige Ansatz. Chronische Krankheiten schleichen sich schon ab Alter 30 und 40 ein. Deshalb sagen wir: sechs Wochen Ferien für alle.

 

Mit einer Privilegierung der über 50-Jährigen würde die Vermittelbarkeit älterer Semester noch zusätzlich erschwert.

Schon heute haben rund 90 Prozent der über 50-Jährigen einen vertraglichen Ferienanspruch von fünf Wochen. Nur 10 Prozent dieser Altersgruppe könnten von der Neuerung profitieren, insbesondere Frauen und Tiefqualifizierte.

 

Brauchten nicht eher junge Eltern mehr Ferien, um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben?

Alle haben mehr Ferien nötig, auch junge Familien. Wenn beide Eltern erwerbstätig sind, ist es nicht immer einfach, während der Schulferien die Betreuung der Kinder zu organisieren.

 

Kennen Sie Länder mit einem gesetzlichen Ferienanspruch von sechs Wochen?

Die Schweiz hat europaweit die höchsten Arbeitszeiten und den geringsten Ferienanspruch. Irland und die Schweiz sind mit 29 Ferien- und Feiertagen am Schluss der Rangliste. In Finnland, Russland und Frankreich liegt diese Zahl bei 40.

 

Frankreich als Vorbild? Wo kommen wir da hin?

Sie haben mich nach den Verhältnissen im Ausland gefragt. Ich selber habe nie gesagt, der internationale Vergleich sei massgebend. Wir haben in der Schweiz eine sehr hohe Arbeitsproduktivität, die es zu erhalten gilt.

 

Und die Sie mit dem zusätzlichen Ferienanspruch schwächen wollen.

Eben gerade nicht. Die Arbeitsproduktivität ist von der Leistungsbereitschaft und der Motivation der Arbeitnehmenden abhängig. Diese werden durch mehr Erholungszeit positiv beeinflusst. 

 

Sie sagen also, Ihre Forderung würde die Wirtschaft eher stärken?

Davon bin ich überzeugt. Nicht alles, was arbeitnehmerfreundlich ist, ist auch wirtschaftsfeindlich. Man ist sich von links bis rechts einig, dass die Arbeitnehmenden in der Schweiz die wichtigste Ressource sind. Zu dieser Ressource müssen wir Sorge tragen.

Die Arbeitnehmenden sind laut Susanne Blank die wichtigste Ressource.
Die Arbeitnehmenden sind laut Susanne Blank die wichtigste Ressource.

Was sagen Sie zum europaweiten Trend, das Rentenalter nach oben anzupassen?

Bevor man in der Schweiz über eine Erhöhung des Rentenalters spricht, sollte man dafür sorgen, dass die Leute bis zum ordentlichen Rentenalter arbeiten können. Gemäss dem Bundesamt für Statistik sind heute nur 37 Prozent aller 63-Jährigen erwerbstätig.

 

Wollen Sie mit Ihrer Initiative dazu beitragen, dass die Leute bis zum ordentlichen Rentenalter erwerbstätig bleiben?

Wenn die Erholungszeit verlängert wird, werden die Arbeitnehmenden nicht zu früh ausgepumpt und in der Lage sein, länger im Arbeitsprozess zu bleiben.

 

Gilt das auch für Frauen? Sind Sie für das Frauenrentenalter 65?

Ich bin persönlich nicht a priori gegen das Frauenrentenalter 65. Es wäre aber falsch, die Gleichstellung nur punkto Rentenalter durchzusetzen und die anderen Lebensbereiche, wo die Gleichstellung zugunsten der Frauen noch nicht durchgesetzt ist, nicht anzutasten.

 

Ist es richtig, Unrecht mit Unrecht zu begründen?

Es geht nicht um Unrecht, sondern um Ungleichheit. Bei den Löhnen oder Aufstiegsmöglichkeiten sind die Frauen immer noch benachteiligt.

 

Travailsuisse hat im Dezember Lohnerhöhungen von 2 bis 3 Prozent verlangt. Zufrieden mit dem Resultat?

Ja. Die Lohnerhöhung 2011 beläuft sich auf zwischen 1,5 und 2,5 Prozent.

 

Das erstaunt. Meistens verlangt Travailsuisse viel mehr, um bereits mit der Hälfte zufrieden zu sein.

Die Verbände von Travailsuisse sind bemüht, realistische Forderungen zu stellen. Alles andere ist kontraproduktiv. 

"Ein Verwaltungsrat sollte sich aus verschiedenen Spezialisten zusammensetzen", sagt die Gewerkschafterin.
"Ein Verwaltungsrat sollte sich aus verschiedenen Spezialisten zusammensetzen", sagt die Gewerkschafterin.

Warum finden Sie es so wichtig, dass auch Personalvertreter im Verwaltungsrat Einsitz nehmen dürfen?

Die Frage der Personalvertretung war sogar am WEF in Davos ein Thema. Die Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass Personalvertreter Vielfalt und Zusammenarbeit fördern. Das sind ganz neue Töne an einem Anlass wie dem WEF.

 

Was versprechen Sie sich davon?

Personalvertreter haben tendenziell eine längerfristige Optik. Das ist gerade in der heutigen Zeit besonders wertvoll, wo Manager häufig nur gerade den nächsten Quartalsgewinn im Fokus haben. Ein Verwaltungsrat sollte sich aus verschiedenen Spezialisten zusammensetzen. Einer dieser Spezialisten sollte vor allem Anliegen und Bedürfnisse des Personals kennen.

 

Sie selber sind Personalvertreterin im Verwaltungsrat der Post. Können Sie die Anliegen der Belegschaft genügend einbringen?

Tatsache ist, dass wir im Verwaltungsrat der Post nicht nur über Gewinnmaximierung, Kosten- und Lohndruck sprechen, sondern auch über die 60 000 Menschen, die von etwelchen Entscheiden direkt betroffen sind.

 

Können Sie bestätigen, dass Ihre Voten nicht nur angehört, sondern auch ernst genommen werden?

Ich verspüre im Verwaltungsrat ein konstruktives Klima.

 

War das auch in der Ära Béglé der Fall?

Das ist Vergangenheit. Dazu äussere ich mich nicht.

 

Zur Person

Gewerkschafterin Susanne Blank leitet seit 2001 beim Gewerkschaftsdachverband Travailsuisse das Dossier Wirtschaftspolitik. Vorher war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesamt für Statistik. Die Mutter von zwei Kindern studierte an der Universität Bern Volkswirtschaft mit

Schwerpunkt Wirtschaftspolitik. Ihre Lizenziatsarbeit widmete sie der «Entwicklung der Lohndisparitäten in der Schweiz zwischen 1992 und 1997».

 

Erschienen in der BZ am 15. Februar 2011


Claude Chatelain