Tollkühne Raiffeisen

Raiffeisen sei mutig mit der Wegelin-Übernahme, habe ich irgendwo gelesen. Mutig? Ich würde eher sagen: fahrlässig, tollkühn.

Firmen kauft man nicht wie Früchte oder Gemüse. Wer ein Unternehmen übernimmt, lässt dieses auf Herz und Nieren überprüfen. «Due Diligence» nennt der Fachmann diese Prozedur.

 

Das Ziel besteht darin, mit der gebührenden Sorgfaltspflicht allfällige Risiken zu eruieren. Oder um eine abgegriffene Redewendung zu bemühen: allfällige Leichen im Keller ausfindig zu machen. Schliesslich will man nicht die Katze im Sack kaufen. Eine solche Due-Diligence-Prüfung macht man nicht über Nacht. Wohl erklärte Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz, die Finanzmarktaufsicht (Finma) habe die Übernahme gutgeheissen. Die Finma konnte in dieser kurzen Zeit den Deal höchstens juristisch, kaum aber wirtschaftlich begutachten. Hinzu kommt noch die besondere Situation, in welcher sich der Schweizer Finanzplatz derzeit befindet. Wie soll garantiert werden, dass sich im Kundenstamm, den die Raiffeisen-Gruppe übernommen hat, kein faules Ei befindet?

 

Zum Beispiel ein Schweizer Geschäftsmann, der in den USA wohnhaft und dort auch steuerpflichtig ist. Er brauchte gegenüber dem Kundenberater keinen Eid abzulegen, dass er mit den USA nichts am Hut hat. Die Bank Wegelin kann unmöglich garantieren, dass sich unter den 21 Milliarden Franken Kundenvermögen, die nun zur Raiffeisen-Gruppe transferiert werden, nicht auch Vermögensteile befinden, die in den USA hätten versteuert werden sollen.

 

Womöglich wird man in ein paar Jahren sagen, der Wegelin-Deal sei für Raiffeisen gut gewesen. Man vermutet nämlich, dass Pierin Vincenz das Schweizer Geschäft der Bank Wegelin zu einem Schnäppchenpreis erstehen konnte. Schnäppchen hin oder her: Die Übernahme ist riskant. Doch nicht Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz muss das Risiko tragen, sondern die 1,7 Millionen Genossenschafter all der 339 übers Land verstreuten Raiffeisen-Banken – und zwar mit je 8000 Franken. Das ist ja eigentlich nichts Neues: Wie war das schon mit der UBS?   

 

Erschienen im BZ-Blog am 7. Februar 2012

Claude Chatelain