Die IV ist der günstigste Headhunter

Dieter Widmer, Chef der IV-Stelle Bern
Dieter Widmer, Chef der IV-Stelle Bern

Die Eingliederung von IV-Rentnern in den Arbeitsprozess kann für einen Arbeitgeber auch finanziell interessant sein.

 

Folgendes Beispiel: Eine Firma sucht für die Debitorenbuchhaltung eine Arbeitskraft mit einem Pensum von 60 Prozent. Wird die Stelle ausgeschrieben, so ist mit einer Flut von Bewerbungen und deshalb mit einem hohen Arbeitsaufwand zu rechnen. Was tun, um diese Rekrutierungskosten unter Kontrolle zu halten? Selbstverständlich könnte man einen Stellenvermittler einschalten. Barbara Mani von der Sihl Digital Imaging in Bern hatte eine bessere und auch kostengünstigere Idee: die IV-Stelle Kanton Bern.

 

Das zitierte Beispiel ist nicht erfunden: Auch die Invalidenversicherung (IV) vermittelt Arbeitskräfte. Barbara Mani ist Leiterin Zentrale Dienste der im digitalen Druck tätigen Produktionsfirma Sihl mit 85 Mitarbeitern. An einem Frühstück in Bern, zu welchem die Berner Sektion des Handels- und Industrievereins des Kantons Bern (HIV) Arbeitgeber eingeladen hatte, erzählte sie gestern von ihrer positiven Erfahrung mit der IV-Stelle. Das Thema der Veranstaltung lautete «IV-Revision 6a und die unterstützenden Massnahmen für Arbeitgebende». Adrian Haas, Direktor des kantonalbernischen HIV, will aufgrund der gestrigen Erfahrung auch in anderen Städten ähnliche Informationsveranstaltungen durchführen.

Vermitteln und Betreuen

 

«Die IV vermittelt nicht nur Personen, sie betreut sie dann auch, im Extremfall bis zu drei Jahre», erzählte Barbara Mani. Zudem zahlt die IV einen Einarbeitungszuschuss. Nachdem die Firma Sihl der IV den Stellenbeschrieb geschickt hatte, besuchte eine Fachperson das Team und den Arbeitsplatz an der Bolligenstrasse in Bern. Darauf erhielt Barbara Mani von der IV-Stelle fünf Bewerbungsdossiers zur Begutachtung. Sie lud zwei Bewerberinnen zu Vorstellungsgesprächen ein, bei welchen die Arbeitsvermittlungsfachperson der IV zugegen war. Die 60-Prozent-Stelle in der Debitorenbuchhaltung ist nun seit über einem halben Jahr besetzt — zur vollen Zufriedenheit der Sihl Digital Imaging.

 

Die eingestellte Frau hat ein Rückenleiden. 43 Prozent der neuen IV-Rentnerinnen und IV-Rentner haben jedoch ein psychisches Problem. Dieter Widmer, Direktor der IV-Stelle Kanton Bern: «Es ist ungleich schwieriger, psychisch Kranke einzugliedern, als körperlich Geschädigte.» Er ruft die Arbeitgeber dazu auf, die Hemmungen abzulegen. «Wir haben einige Beispiele gesehen, bei welcher eine psychisch angeschlagene Person mit Erfolg eingegliedert werden konnte», sagte Widmer. In der politischen Debatte zur IV-Revision hatten linke Kreise eine Behindertenquote verlangt. Ohne Druck, sagten sie, würden keine IV-Rentner in den Arbeitsprozess integriert. Mit diesem pauschalen Urteil wird man Arbeitgebern kaum gerecht, wie die Bemühungen des HIV und das rege Interesse der knapp 30 eingeladenen Arbeitgeber zeigt.

 

Erschienen in der BZ am 2. Februar 2012

Claude Chatelain