Der starke Franken stärkt die Schweiz

Der Euro-Kurs ist historisch tief. Man fürchtet um die schweizerische Exportwirtschaft. Zum Glück hütete sich Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann gestern an der Medienkonferenz, von einer Währungskrise zu sprechen. Und als ihm das Wort trotzdem entschlüpfte, korrigierte er sich umgehend und sprach nur noch von der Währungsproblematik.

Hilfeschreie wegen des starken Frankens ertönen in hartnäckiger Regelmässigkeit. Man hörte sie schon vor 10 Jahren, als der damals noch junge Euro innert zwei Jahren von über Fr. 1.60 auf unter Fr. 1.45 gefallen war. Einige können die Kassandrarufe nicht mehr hören; andere nehmen sie schlicht nicht mehr ernst. Seit 40 Jahren ist der Schweizer Franken gegenüber Dollar und D-Mark beziehungsweise Euro immer stärker geworden, was die Stärke des Binnenlandes Schweiz ausserhalb der Eurozone spiegelt. Die Schweizer Wirtschaft hat sich mit ihrer harten Währung gut arrangiert. Sie ist auch im zurückliegenden Jahr trotz des starken Frankens um 2,7 Prozent gewachsen. Produktivität und Innovationskraft sind hierzulande auch deshalb so stark, weil es der Schweiz nicht einfach gemacht wird. Die EU versucht an allen Fronten, dem angeblichen Trittbrettfahrer Steine in den Weg zu legen.

 

Die anhaltende Frankenstärke treibt den Werkplatz Schweiz an, das Maximum herauszuholen. Wäre die Schweiz im Euroraum, könnte sie ihre Waren ohne grosse Anstrengung in den EU-Ländern verhökern. So aber muss sie sich anstrengen und auch neue Märkte suchen. Diese findet sie vor allem in Asien. Die Schweiz exportiert anteilsmässig mehr nach Asien als die umliegenden Euroländer. Das ist gut so: Man macht sich weniger abhängig von der EU und investiert erst noch in vielversprechende Wachstumsmärkte. Vor diesem Hintergrund hat der schwache Euro auch sein Gutes. Kein Grund zur Panik also.

 

Grund zur Panik ist höchstens dann gegeben, wenn sich wie in den vergangenen Tagen und Wochen auch Schweizer Politiker berufen fühlen, sich in die Währungspolitik einzumischen. Glücklicherweise machte Schneider-Ammann gestern deutlich, dass für die Geldpolitik allein die unabhängige Nationalbank zuständig sei. Dass nämlich der Euro derart unter die Räder kam, ist nicht auf Zins-, Preis- oder Produktivitätsunterschiede zurückzuführen. Vielmehr spiegelt der tiefe Währungskurs das mangelnde Vertrauen in die europäische Politik. Die Akteure der Finanzmärkte hassen nichts so sehr wie Unsicherheit. Und zu dieser Unsicherheit haben vor allem Staatsfrauen und Staatsmänner mit widersprüchlichen Aussagen beigetragen. Eine Transferunion komme nicht in Frage, beteuerten sie. Mittlerweile ist sie Tatsache geworden. Die Banken seien sicher, hiess es nach dem Stresstest vor einem halben Jahr. Wenige Monate später waren irische Banken pleite. Griechenland müsse wegen des Euro gerettet werden, sagten Politikerinnen, ohne rot zu werden. Dabei war allen klar, dass die Rettungsaktion vor allem den eigenen Banken galt, die – nach der Finanzkrise eh schon geschwächt – bei einer Zahlungsunfähigkeit Griechenlands womöglich kollabiert wären. Wie sagte doch der renommierte Ökonom und Publizist Beat Kappeler im «Zeitpunkt»-Interview vom Samstag: «In der Gesellschaft und Wirtschaft sollte der politikfreie Raum möglichst gross sein.»

 

Erschienen in der BZ am 20. Januar 2011

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Claude Chatelain