Herr Kappeler, geht der Euro bald baden?

Beat Kappeler: "ich nehme an, dass nach Mai 2013 einige südliche Länder Europas aus der Währungsunion austreten werden"
Beat Kappeler: "ich nehme an, dass nach Mai 2013 einige südliche Länder Europas aus der Währungsunion austreten werden"

Laut Wirtschaftspublizist Beat Kappeler sollte Griechenland den Staatsbankrott anmelden und aus dem Euro austreten. Er warnt vor den Folgen der Hungerkur in den südlichen EU-Staaten und kritisiert die Notentscheide der Politiker.

 

Wie lange gibt es den Euro noch, Herr Kappeler?

Beat Kappeler: Es wird ihn wohl noch länger geben. Aber ich nehme an, dass nach Mai 2013 einige südliche Länder Europas, vielleicht auch Irland, vielleicht auch andere, aus der Währungsunion austreten werden.

Eine so präzise Antwort haben wir nicht erwartet.

Im Mai 2013 wird der Rettungsschirm von 750 Milliarden Euro auslaufen. Dann müssen das überschuldete Griechenland, Irland und allenfalls auch Portugal ihre Hilfspakete zurückzahlen. Ab diesem Datum müssen die Gläubiger von Staatsanleihen allfällige Verluste selber tragen. Das wird die Zinssätze aller Länder Europas, also nicht nur der Südländer, massiv ansteigen lassen.

 

Sagen Sie zwei Euros voraus? Einen für die Süd- und einen für die Nordländer?

Eine offizielle Trennung zwischen Nord und Süd will dem europäischen Politiker vermutlich nicht in den Kopf. Ich sehe eher, dass einzelne Länder aus der Not heraus austreten werden.

 

Von sich aus oder auf Druck der noch potenten EU-Länder?

Ich nehme an, dass es in Ländern Südeuropas zu politischen Verwerfungen kommen wird. Aufgrund der enormen Sparmassnahmen zeichnet sich dort eine langjährige Deflation ab.

 

Mit welchen konkreten Folgen im Alltag und der Arbeitswelt?

Keine Perspektiven für die Jungen, grosse Arbeitslosigkeit, Abbau der Beamtenstellen, sinkende Renten. Die Hungerkur wird dazu führen, dass irgendeine Oppositionspartei nicht mehr mitmachen, die Wahlen gewinnen und dann aus dem Währungsverbund austreten wird.

 

Beat Kappeler ist ein gefragter Redner.
Beat Kappeler ist ein gefragter Redner.

Würde das für die EU zur Belastungsprobe?

Man darf in aller Ruhe auch mal feststellen, dass EWG und EG 40 Jahre lang ohne gemeinsame Währung existiert haben. Ich bin nicht der Meinung, dass die EU nach Austritten aus der Währungsunion am Ende ist. Es gäbe ja weiterhin den gemeinsamen Binnenmarkt ohne Handelsbarrieren. Und die aus der Eurozone ausgetretenen Länder könnten sich mit einer Abwertung ihrer nationalen Währung Luft oder gar Handelsvorteile verschaffen.

 

Haben bis jetzt nicht gerade die Südländer vom Euro profitiert?

Nur auf eine künstliche Art. Das Zinsniveau ist vor der Einführung des Euro auf das Niveau von Deutschland gefallen. Das war höchst angenehm für die Privaten, die sich bis über den Hals mit Immobilien verschulden konnten. Und es war sehr angenehm für die Politiker, weil sich der Staat plötzlich zu äusserst günstigen Zinsbedingungen verschulden konnte. Wenn Portugal und andere für ihre Staatsobligationen 9 Prozent Zins hatten zahlen müssen, so waren es plötzlich nur noch 3,5 Prozent. Deutsche Zinsen für unsolide Länder. Das war ein riesiger Vorteil, aber ein künstlicher. Er führte zu einer Fehlleitung riesiger Ressourcen – in private Hausprojekte und in wachsende Staatsschulden.

 

Immerhin stiegen in Griechenland auch die Löhne.

Griechenland hat die Löhne nach dem Eintritt in den Euro um generell 20 Prozent angehoben – ohne sichtbaren Druck. Nur aus Freude. Zu deutschen Zinsen. Und mit dem Geld deutscher und französischer Banken, die in Griechenland zu investieren begannen, weil es ja nun einen einheitlichen Währungsraum gab. Die Banken bedachten aber nicht, dass das Bonitätsrisiko der Hausbesitzer und des Staats weiter bestand. Diese Risikoblase ist nun geplatzt.

 

Wird der Euro-Kurs weiter abstürzen bis auf 50 Rappen?

Kaum, weil ja schliesslich auch noch starke Länder da sind, wie Deutschland, Österreich und die Niederlande. Der Euro ist keine Operettenwährung.

 

Wäre die Krise auch eingetreten, wenn alle Euroländer den EU-Stabilitätspakt erfüllt hätten, der maximale Verschuldungsanteile festlegt?

Vermutlich ja. Neben der unterschiedlichen Haushaltsdisziplin gibt es noch ein grundlegenderes Problem: die fehlende Konkurrenzfähigkeit der Euro-Südländer, was zu einem Handelsbilanzdefizit gegenüber Deutschland und dem Rest der Welt führte. Sie importieren mehr, als sie exportieren. Damit gehen jedes Jahr Jobs verloren, die Arbeitslosenentschädigungen steigen, der Staat nimmt weniger Steuern ein und muss gleichzeitig die Subventionen für Unternehmen erhöhen. All das führt zu einer wachsenden Staatsverschuldung. Die Südländer können mit Deutschland nicht mithalten. Ihre Preise wurden erhöht, nicht aber ihre Produktivität. Deutschland hat stabile Preise und eine höhere Produktivität. Da ist eine Schere aufgegangen, der Süden hat gegenüber Deutschland 25 Prozent seiner Konkurrenzfähigkeit eingebüsst.

 

Wir sollten also mehr griechischen Fetakäse kaufen?

Kaufen Sir nur Fetakäse. Er kommt aber meistens aus Dänemark. Griechenland, Spanien und Portugal haben eine sehr schwache Aussenhandelsbilanz.

 

Die US-Bundesstaaten sind auch unterschiedlich konkurrenzfähig, und doch scheint es mit einer Währung zu funktionieren.

In den USA sind die zwei Bedingungen für eine optimale Währungsunion erfüllt, wie es der spätere Nobelpreisträger Robert A. Mundell formuliert hat: erstens eine zentralisierte Finanz- und Steuerpolitik. Und zweitens ein flexibler Arbeitsmarkt, in dem die Amerikaner bereit sind, zu wandern und bei Jobmangel in einen anderen US-Staat umzuziehen.

 

Also müsste die EU eine Transferunion werden, in der es Ausgleichsgeldströme gibt?

Brüssel könnte europäische Staatsanleihen herausgeben und diese von Deutschland garantieren lassen. Damit würden die Zinsen in Deutschland steigen. Der deutsche Bürger würde also über die höheren Zinsen Solidaritätsleistungen für die Südländer erbringen. Es ist aber eine Illusion, zu glauben, mit der Transferunion sei das Problem gelöst. 

Kappeler wörtlich: "Die Deutschen werden nie für die Griechen zahlen, wenn sie erst mit 67 und die Griechen schon mit 55 Jahren in Pension gehen können".
Kappeler wörtlich: "Die Deutschen werden nie für die Griechen zahlen, wenn sie erst mit 67 und die Griechen schon mit 55 Jahren in Pension gehen können".

Warum?

Die Deutschen werden nie für die Griechen zahlen, wenn sie erst mit 67 und die Griechen schon mit 55 Jahren in Pension gehen können. Oder wenn die einen bloss 35 Stunden pro Woche arbeiten und die anderen 41 Stunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Deutschland für solche zahlen will, die sich lieber im Liegestuhl räkeln, statt einer Arbeit nachzugehen. Man müsste also die Arbeitsmarktbedingungen und auch die Sozialversicherungen der einzelnen Länder angleichen. Das wäre eine unglaublich schwierige Aufgabe.

 

Sie sagten, die Südländer profitierten künstlich vom Euro. Deutschland aber profitiert echt vom Euro, oder?

Die wettbewerbsfähigen Deutschen profitieren davon, dass der Euro heute eine Weichwährung ist. Kaiser Wilhelm der letzte oder sein indirekter Nachfolger, der Führer und Reichskanzler, wollten ja Europa erobern. Eigentlich hätten sie es so machen müssen, wie es heute läuft: Die anderen Länder zu einer Währungsunion überreden, konkurrenzfähig bleiben, die Löhne nicht ansteigen lassen und die Preise im Griff behalten. Dann hätten die Deutschen nur noch zuschauen müssen, wie die anderen ins eigene Verderben rennen.

 

Ist der schwache Euro nur für die Schweiz ein Problem? Die Euroländer profitieren ja von der schwachen Währung.

Die südlichen Euroländer sind aber nicht konkurrenzfähig genug, um vom tiefen Euro-Kurs zu profitieren. Sie haben den Ruf, etwa bei der Tourismusinfrastruktur desorganisiert zu sein. Sie sind innerhalb der Eurozone Verlierer, weil sie gegenüber Deutschland und den anderen nördlichen Ländern eine negative Handelsbilanz aufweisen. Auch Frankreich hat eine Exportschwäche.

 

Also müsste für diese Länder der Euro-Kurs noch tiefer sein?

Das nützt nichts. Das gleiche Problem haben wir in den USA. Die Amerikaner produzieren kaum mehr etwas selber. Die iPhones und iPads werden zu 100 Prozent in China hergestellt. Wir Schweizer leben trotz des starken Frankens immer noch gut, weil wir eben konkurrenzfähig sind. Das bedeutet: gute, unverzichtbare Produkte herzustellen, bei welchen der Preis eine sekundäre Rolle spielt.

 

Wäre ein Nord- und Süd-Euro gut für die Schweiz?

Das wäre sogar exzellent. Der Nord-Euro würde im Kurs sofort steigen, wodurch der Franken nicht mehr die einzige Fluchtwährung wäre. Die Aufwertung des Frankens ist ja eine vierzigjährige Erscheinung, seit 1971. Früher waren wir nicht allein: D-Mark, Schilling und niederländische Gulden wurden ebenfalls aufgewertet.

 

Ganz allein steht die Schweiz aber auch heute nicht da.

Zum Glück sind in der weiten Welt eine ganze Reihe mittlerer Staaten stärker geworden: Der brasilianische Real hat gegenüber dem Dollar eine Aufwertung um 35 Prozent erfahren. Der kanadische Dollar hat seit Jahrzehnten erstmals wieder den gleichen Wert wie der US-Dollar. Auch mit dem australischen Dollar und der südkoreanischen Währung sind gewissermassen neue «D-Marks» entstanden. 

Beat Kappeler im Element.
Beat Kappeler im Element.

Wie weit sind Hedgefonds für den schwachen Euro verantwortlich?

Selbstverständlich können Hedgefonds Währungskurse kurzfristig beeinflussen. Doch der Hauptgrund für die Euro-Schwäche liegt in den hastigen Erklärungen von europäischen Politikern. Nehmen Sie das Beispiel vom Stresstest der europäischen Banken vor einem halben Jahr. Mit Pauken und Trompeten hatten die Politiker erklärt, die Banken hätten den Stresstest bestanden. Nur vier Monate später fielen zwei irische Banken um. Das sabotiert das Vertrauen der Anlegerschaft total.

 

Das Vertrauen in die Politiker?

Ja. Man hat den Eindruck, dass sie jeweils den nächstliegenden Notgriff ziehen. Sie lösen nur ein kleines Augenblicksproblem, das grosse Problem aber bleibt. Es gibt dafür ein schönes Bild: «kicking the can down the road» – eine Blechdose immer weiter vor sich her kicken. Die Dose wird dabei aber immer grösser.

 

Das tönt sehr pessimistisch.

Sie können sagen, ich sei ein alter Mann, der die Welt nicht mehr versteht. Aber ich bin schon erschüttert, dass viele Grundsätze, die man früher für sicher hielt, einfach weg sind. Vor drei Jahren wäre ein Wirtschaftsstudent durchgefallen, wenn er gefordert hätte, eine Notenbank solle faule Staatsanleihen aufkaufen.

 

Gibt es keine dauerhafteren Rettungsrezepte mehr?

Es gibt keine Politiker mehr, die solche Rezepte durchsetzen. Ich bin überzeugt, Frau Merkel und Herr Sarkozy haben in ihrem Leben noch nie eine Obligation gekauft.

 

Warum ist es wichtig, dass Politiker Obligationen kaufen?

Damit sie sich in die Lage von Anlegern, Pensionskassenverwaltern und Fondsmanagern versetzen können, die auf Nummer sicher gehen müssen und keine Fehler machen dürfen. Merkel und Sarkozy leben in einer künstlichen Welt, in welcher man befiehlt, in der es um Prestige und Parteistandpunkte geht und in der sachliche Überlegungen eine kleine Rolle spielen. Die Politiker können sich nur schwer vorstellen, was ihre addierten Entscheide für eine bedrohliche Bewegung auslösen. Mit unserem Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann verhält es sich anders. Er war Unternehmer, hat Obligationen gekauft und weiss, dass man Anleger nicht vor den Kopf stossen darf.

 

Was tun? Wir haben ja nun mal die Politiker, die wir haben.

Meine Lebenserfahrung führt zu einem einfachen Satz: In der Gesellschaft und in der Wirtschaft sollte der politikfreie Raum möglichst gross sein.

 

Vielleicht haben Europas Politiker einfach falsch entschieden. Hätten sie am Anfang der Krise Griechenland bankrottgehen lassen sollen?

Es hätte Griechenland und Irland jedenfalls Luft verschafft, wenn man gesagt hätte: Ihr wertet eure Währung ab und müsst alle Obligationen erst in 25 Jahren zu nur noch 2 Prozent Zinsen zurückzahlen.

 

Dann wären aber die deutschen oder französischen Banken kollabiert, die diese Staatsobligationen in ihrer Bilanz haben.

Mag sein. Aber es käme billiger, aus Staatsmitteln für Banken neues Eigenkapital zu zeichnen, als ganze Staaten wie Griechenland und Irland jahrzehntelang durchzufüttern. Es wäre gut, man hätte einen Plan B in dieser Art gehabt. Stattdessen kicken die Politiker weiterhin die Dose vor sich her. Die Schulden werden dadurch immer in die nächst höhere Bilanz verschoben. Oberhalb der Bilanz des Internationalen Währungsfonds gibt es aber nicht noch eine weitere Bilanz auf dem Mond, die uns retten kann.

 

Was lässt sich in der aktuellen Lage mit dem Euro überhaupt noch anstellen?

Ich sehe fünf Auswege für den Euro. Erstens den Staatsbankrott südlicher EU-Staaten. Zweitens ein Durchseuchen, was aber zu einer unglaublichen Deflationspolitik im Süden führen würde. Drittens den Umbau der EU zu einer Fiskalunion mit einer gemeinsamen Geld- und Haushaltpolitik, was kein EU-Staat richtig will. Viertens ein Wunder, das in den Südländern die Produktivität steigert. Und fünftens den Austritt einzelner Länder aus dem Euro-Verbund. Realistisch dürften nur Weg eins und fünf sein.

 

Mitarbeit: Stefan von Bergen

 

 

INFOTHEK

Fiskalunion: Das ist die Eurozone eben nicht. Sie hat zwar einen Binnenmarkt ohne Handelsschranken sowie eine gemeinsame Geldpolitik, die von der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt gesteuert wird. Die EU-Mitgliedstaaten betreiben aber keine einheitliche Fiskal- und Steuerpolitik, was Ökonomen schon immer als Geburtsfehler des seit 2002 im Umlauf befindlichen Euro bezeichnet haben.

 

Rettungsschirm: Getrieben vom Euro-Absturz haben die Finanzminister Europas einen beispiellosen Rettungsschirm im Betrag von 750 Milliarden Euro für die Eurozone aufgespannt. Zu diesem Zweck haben die Euroländer eine Finanzgesellschaft gegründet, die Kredite für Wackelkandidaten aufnimmt. Mit dem System soll die Stabilität des Euro abgesichert werden: 500 Milliarden Euro garantieren die Europäer, die restlichen 250 Milliarden der Internationale Währungsfonds (IWF). Gegenwärtig wird darüber diskutiert, den Rettungsschirm noch zu vergrössern. Sollte nämlich auch das grosse Spanien Hilfe beanspruchen, bedeutet dies nicht nur happige Summen aus dem Rettungsschirm, sondern auch den Verlust von Beiträgen.

 

Staatsbankrott: Ohne Rettungsschirm hätten Griechenland und Irland bankrott erklären müssen.

 

Beim Staatsbankrott verlieren Gläubiger das dem Staat geliehene Geld sowie die Zinsen darauf ganz oder teilweise, dem Staat wird aber ein Neustart möglich. Oft wird im Rahmen internationaler Verhandlungen ein teilweiser Schuldenerlass oder eine Umschuldung vereinbart. So verzichteten die Gläubiger 2002 bei der Argentinienpleite auf bis zu 75 Prozent ihrer Forderungen.

 

Stabilitätspakt: Der Stabilitätspakt von 1997 fordert von den EU-Mitgliedsstaaten, die sich für den Euro entschieden haben, ihre Haushaltsdefizite auf 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) und die Verschuldung auf 60 Prozent des BIP zu begrenzen. Ein Problem liegt darin, dass gewisse Länder des Südens diese Voraussetzungen nur mit äusserst kreativen Buchhaltungstricks, wenn nicht gar Betrügereien, zu erfüllen vermochten. Ferner haben nach Einführung der Einheitswährung selbst Deutschland und Frankreich den Pakt gebrochen.

 

Transferunion: Mit der Rettung Griechenlands haben die Euroländer genau das geschaffen, was sie nicht sein wollten: eine Transferunion. Sie erlaubt ein Hin- und Herschieben von Geldern zur Unterstützung leistungsschwacher Länder.

 

Erschienen in der BZ am 15. Januar 2011


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Claude Chatelain