Vierte Säule: Über die optimistischen Börsengurus

Manchmal habe ich das Gefühl, die Ökonomen und Finanzmarktstrategen leben in zwei verschiedenen Welten. «Vor einem goldenen Zeitalter der Aktie.» «Das Börsenumfeld in Amerika ist exzellent.» So und ähnlich kommen die Schlagzeilen der Börsengurus daher.

Auf der anderen Seite wird man fast täglich von neuen Hiobsbotschaften von der Schulden- und Währungsfront eingeholt, wie wenn das eine mit dem anderen nichts zu tun hätte. Es macht den Anschein, als ob die horrende Verschuldung Japans, der USA und des Euroraums auf dem Radarschirm der Analysten gar nicht aufleuchtet.

 

Ich habe bisher noch keine ernst zu nehmende Antwort gehört, wie die hoch verschuldeten Länder aus der Schuldenspirale herausfinden sollen. Wohl ist noch kein müder Euro à fonds perdu vom europäischen Norden in die Südstaaten geflossen. Bisher wurden bloss Kredite vergeben – und dies mit ansehnlichen Schuldzinsen. Doch glaubt jemand ernsthaft daran, diese Kredite könnten auf irgendeine Geissart zurückbezahlt werden?

 

Bisher haben die Deutschen und Franzosen vor allem eingegriffen, um die eigenen Banken zu retten. Und auch Irland ist im Unterschied zu Griechenland nicht wegen eines liederlichen oder gar korrupten Staatshaushalts pleite gegangen, sondern weil die eigenen Banken gerettet werden mussten. «Too Big to Fail». Das kommt einem irgendwie bekannt vor.

 

So kann es nicht immer weitergehen. Früher oder später werden die Besitzer von Staatsanleihen auf einen Teil ihrer Forderung verzichten müssen. Das wird nicht nur die Banken treffen, sondern auch Grossunternehmen und Sozialversicherungen, sogenannte institutionelle Anleger. Dies wiederum wird die Gewinne schmälern, was unweigerlich die Aktienkurse in die Tiefe zieht. Und wenn die Geschichte ein guter Ratgeber ist, werden die Analysten ihre optimistischen Gewinnschätzungen erst dann anpassen, wenn die Kurse schon gefallen sind.

 

Erschienen in der BZ am 4. Januar 2011

Claude Chatelain