Börsenjahr 2010: Tornos-Kurssprung auf tiefem Niveau

Ein Tornos-Mitarbeiter in Moutier.
Ein Tornos-Mitarbeiter in Moutier.

Keine andere Aktie einer Berner Firma hat im zurückliegenden Jahr ein derartiges Kursfeuerwerk gezündet wie Tornos. Für die langjährigen Aktionäre ist das Plus von 79 Prozent hingegen ein schwacher Trost.

Der Name Tornos verbreitet nicht nur positive Gefühle. Seit dem Börsengang vom 13. März 2001 sorgte der Drehautomatenhersteller aus Moutier im Berner Jura mehrheitlich für negative Schlagzeilen: «Tornos streicht 200 Stellen», titelte diese Zeitung nur ein halbes Jahr nach dem Börsengang. In diesem Tenor gings dann Schlag auf Schlag weiter: «Tornos in höchster Geldnot», «Die Angst vor der Tornos-Pleite», «Schock in Moutier: Tornos entlässt 400 Mitarbeiter», «Tornos weiter in Schieflage», «Chef weg, Tornos wieder im Elend», «Tornos noch immer in Not», «Tornos bleibt ein Zitterkandidat», «Überlebenskampf dauert an». So lauteten die Überschriften in den Jahren 2001 und 2002.

 

«Dreh bald gefunden»

 

Ab 2004 wurde es ruhiger um die krisengebeutelte Maschinenfabrik aus dem Berner Jura, und es folgten aufmunternde Schlagzeilen: «Dreh bald gefunden», «Tornos macht wieder Gewinn», ehe 2009 wieder Ungemach drohte: Der Drehmaschinenhersteller erzielte einen Verlust von 30 Millionen Franken – und dies bei einem um die Hälfte eingebrochenen Umsatz von 114 Millionen. «Für 2010 zeigt die Unternehmensführung wenig Optimismus. Ein positives Resultat dürfte erst 2011 ins Haus stehen», war am 16. März 2010 zu lesen.

 

2010: Plus 79 Prozent

 

Und nun dies: Die Tornos-Aktie stieg im zurückliegenden Jahr um 79 Prozent. Das mit der 79-prozentigen Kurssteigerung ist allerdings so eine Sache: Zwei ist hundert Prozent mehr als eins. Und deshalb ist eine Kurssteigerung von Fr. 7.20 auf Fr. 12.90 nur auf den ersten Blick enorm viel.

 

Enorm viel Gewinn machten jene Anleger, welche Anfang 2010 im grossen Stil Tornos-Aktien kauften. Allerdings brauchte es dazu ein gerüttelt Mass an Mut. Die Tornos-Aktie war ein Spekulationspapier.

Wenig Trost in der jüngsten Kursexplosion finden jene Anlegerinnen und Anleger, welche die Aktie beim Börsengang vor zehn Jahren zum Ausgabepreis von 100 Franken kauften. Sie liegen immer noch brutal im Minus.

 

Walter Fust sei Dank

 

Massgeblichen Anteil an der letztjährigen Kursentwicklung hat Investor Walter Fust: Er erhöhte seinen Aktienanteil nach und nach von 5 auf 15 Prozent. Fust ist auch Mehrheitsaktionär des Fräsmaschinenherstellers Starrag-Heckert im sankt-gallischen Rorschacherberg. «Es besteht ein gewisses Interesse an einer losen Zusammenarbeit mit Starrag-Heckert. Dies würde Sinn machen», erklärte Fust vor gut einem Monat der Finanznachrichtenagentur AWP.

 

Tornos ist freilich nicht der einzige Maschinenbauer mit steilen Kursavancen. Überhaupt sind die Industrieaktien die Renner des zurückliegenden Börsenjahres, trotz steinhartem Schweizer Franken (Ausgabe vom 31. Dezember 2010). Das gilt für die Schweiz; und das gilt ebenfalls für den Kanton Bern: In der Statistik der börsenkotierten Gesellschaften mit Sitz im Kanton Bern belegen acht Industriewerte die ersten Ränge. Sie alle erzielten Kursavancen von 30 Prozent und mehr. Erst auf Rang neun folgt mit der Jungfraubahn Holding das erste Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor.

 

Nichtkotierte Aktien

2009 waren die Bergbahnen die grossen Gewinner der nichtkotierten Berner Aktien. Wengen-Männlichen und die Bergbahnen Adelboden und Meiringen-Hasliberg verzeichneten Kursavancen von über 30 Prozent. Auch 2010 sind einige der Bergbahnen in der obersten Tabellenhälfte zu finden. Schon fast eine beängstigende Bergfahrt hat die Luftseilbahn Wengen-Männlichen hinter sich: plus 58 Prozent im Jahr 2009; plus 30 Prozent im Jahr 2010.

 

Spitzenreiter war im zurückliegenden Jahr das Berner Bauunternehmen Weiss + Appetito, welches durch Zukäufe und mit einer konsequenten Nischenpolitik aufgefallen ist.

 

Die Rangliste der nichtkotierten Aktien ist jedoch mit Vorsicht zu interpretieren. Sie hat teilweise Zufallscharakter, denn nicht alle Aktien werden

regelmässig gehandelt. Ein einziger grösserer Handel kann somit grosse Kursschwankungen und grosse Verschiebungen in der Rangliste hervorrufen. Weil bei einigen Aktien die letzte Handänderung mehrere Wochen, wenn nicht Monate zurückliegt, wird hier nicht auf den zuletzt erzielten Kurs, sondern auf den gestellten Geldkurs abgestellt.

 

Nichtkotierte Aktien können über die OTC-X, die Handelsplattform der Berner Kantonalbank gekauft und verkauft werden. Dem jüngsten Marktbericht der OTC-X ist zu entnehmen, dass die Handelsplattform vor Weihnachten ein Rekordvolumen erzielte. 2010 konnte ein leicht höheres Volumen umgesetzt werden als im Jahr zuvor, als Aktien im Wert von 114,4 Millionen Franken die Hand wechselten.

 

Erschienen in der BZ am 4. Januar 2011


Claude Chatelain