Vierte Säule: Differenzierte Berichte? Vergiss es

Wenn ein Leser mit meinem Geschriebenen nicht einverstanden ist, hält er mir etwa vor, ich sei undifferenziert. Was als Vorwurf daherkommt, ist ein Kompliment: Differenziert – ich kann es nicht mehr hören.

Mein gestörtes Verhältnis zu diesem Begriff kommt daher, dass ich berufsbedingt tonnenweise differenzierte Berichte lesen muss. Meist von Juristen verfasst, erstrecken sich differenzierte Berichte über mehrere Seiten, und am Schluss ist man so klug wie zuvor. Da lobe ich mir Alt-Bundesrat Christoph Blocher. Er verlangte von seinen Untergebenen, Berichte so zu verfassen, dass sie auf einem A4-Blatt Platz haben.

 

Die Finanzbranche hat eine Vielzahl ausgeklügelter Instrumente kreiert, deren Funktionsweise erst nach aufwendigem Studium verstanden werden können – wenn überhaupt. Dazu gehören die strukturierten Produkte, aber auch gewisse Lebensversicherungen. Auf die Frage, ob das Produkt auch zu empfehlen sei, folgt der Standardsatz: «Es kommt darauf an.» Jeder Mann und jede Frau habe andere Bedürfnisse, andere Risikoeigenschaften und andere Risikoneigungen, sodass sie eben auch andere Finanzprodukte bräuchten.

 

Dagegen ist nichts einzuwenden. Bedürfnisse sind in der Tat unterschiedlich; so dürfen auch Produkte unterschiedlich sein. Doch die Bedürfnisse sind nicht unbedingt kompliziert, deshalb müssten auch die Finanzprodukte nicht kompliziert sein. Der Verdacht liegt nahe, dass Finanzprodukte nur deshalb so kompliziert sind, damit sie der Kunde nicht versteht. Man kann ihm dann leichter ein X für ein U vormachen.

 

Eigentlich könnte ich bei meinen Artikeln einen Hinweis aufs Kleingedruckte machen. Ich könnte einen Haftungsausschluss fordern und jegliche Gewährleistung ablehnen, wie das Banken auch tun. Haben Sie, liebe Leser, solche Disclaimer schon jemals gelesen? Wenn Sie zur seltenen Spezies gehören, die diese Frage mit Ja beantwortet, gleich die zweite Frage: Haben Sie das Geschriebene auch wirklich verstanden? Eben.

 

Erschienen in der BZ am 7. Dezember 2010

Claude Chatelain